Dieser Text stammt aus unserem Heft 11FREUNDE LEGENDEN – Die andere Geschichte von Schalke. Ihr könnt es hier bei uns im Shop erwerben.
Am Tag seines größten Endspiels schien sich alles gegen Reinhard „Stan“ Libuda verschworen zu haben. So war der Rasen in Glasgow an jenem 5. Mai 1966 nach einem Dauerregen vermatscht. Und das bedeutete, dass Libuda seine Stärken nicht ausspielen konnte: Schnelligkeit und Fintenreichtum. Für beides war er so berühmt, dass bereits Ende der Sechziger jedes Kind im Pott die Geschichte von dem Plakat kannte. Es warb für den Prediger Billy Graham oder vielleicht doch für den Evangelisten Werner Heukelbach. „Niemand kommt an Gott vorbei“ stand da oder vielleicht auch „An Jesus kommt keiner vorbei“. Und dann, so will es die Legende, kritzelte ein Fan unter diesen Satz den knappen Hinweis, dass jede Regel eine Ausnahme hat. Denn an manchen Tagen kam Libuda wirklich an jedem vorbei.
„Er war ein begnadeter Dribbler“, sagt Klaus Fischer. „So was gab’s danach nie wieder. Stan war der beste Rechtsaußen, den ich je gesehen habe.“ Fischer wechselte vor allem deshalb von 1860 München zum FC Schalke, weil dort Libuda war, der ihn mit Flanken füttern sollte. Dabei war der alles andere als ein Draufgänger. Als er im Oktober 1969 in das ZDF-Sportstudio eingeladen wurde, hielt Moderator Dieter Kürten das Interview ab, während er mit Libuda und Schalkes Schatzmeister an einem Holztisch in den Kulissen Skat kloppte. Der Plan war, dem schüchternen Libuda seine Angst vor einem Auftritt zu nehmen, doch wie die „Süddeutsche Zeitung“ vor einigen Jahren nach Ansicht der Ausschnitte schrieb: „Hat aber auch nichts gebracht, Libuda nuschelt herzergreifend Stummelsätze in die eigene Schüchternheit hinein.“
Der „Garrincha vom Schalker Markt“
Diese Scheu vor der Welt legte Libuda nie ab. Doch wenn er Fußball spielte, war alles anders. Dann blickten die Menschen wie gebannt auf ihn und durften das auch. Denn auf dem Platz war Libuda ein Alleinunterhalter im besten Sinne – furchtlos bis zur Arroganz. Niemand zeigte den nach Stanley Matthews benannten Trick – links antäuschen, rechts vorbeigehen – so elegant wie er. Daher der Spitzname „Stan“, den er 1965 von der Presse bekam, als er mit 21 Jahren im Schalker Trikot für Aufsehen sorgte. In Gelsenkirchen hatten sie ihn schon zuvor mit einem noch Größeren verglichen: Nach einem Derbysieg tauften sie ihn nach dem brasilianischen Wunderfummler den „Garrincha vom Schalker Markt“. Das war unpräzise, denn Libuda kam nicht vom Schalker Markt, sondern war in einem Gebiet vier Kilometer nordöstlich davon aufgewachsen, dem Haverkamp. Diese Unterscheidung war für Libuda von Bedeutung. Schließlich war er nicht nur wegen des Berufs seines Vaters (Paul Libuda arbeitete als Bergmann) oder der Brieftaubenzucht hinterm Haus ein Ruhrpottkind, sondern auch wegen seiner Abhängigkeit von der Geborgenheit der Arbeiterviertel: Im Haverkamp war jeder Nachbar wie ein Familienmitglied, schon ein paar Straßen weiter traf man zu viele Fremde.
Darum ist es ein Treppenwitz der Geschichte, dass Libuda sein größtes Endspiel ausgerechnet für den Lokalrivalen Dortmund machte. Als Schalke 1965 auf dem letzten Platz landete, entschloss sich Libuda zu einem Wechsel, um in der Bundesliga zu bleiben. Da lag der BVB nahe – und doch fern. „Dem Reinhard waren doch schon die 35 Kilometer zwischen Gelsenkirchen und Dortmund zu viel“, sagte Günter Siebert drei Jahre später, als er in seiner Eigenschaft als Präsident Libuda zurück nach Schalke holte. Noch schlimmer für Stan war, dass der DFB die Liga auf 18 Vereine aufstockte. Schalke blieb erstklassig und Libuda hätte seinen Kiez gar nicht verlassen müssen!
Ein Zauberer aus dem verdreckten Kohlenpott
Vielleicht erklärt seine Heimatliebe auch, warum ihm eine große Karriere verwehrt blieb: Bei der Nationalelf fühlte sich Libuda noch einsamer als sonst. Zwar schoss Libuda die DFB-Auswahl gegen Schottland im Oktober 1969 zur WM nach Mexiko, wo er dann gegen Bulgarien eine Ein-Mann-Show abzog, doch davor und danach biss er bei Helmut Schön auf Granit. Der Bundestrainer nahm Libuda 1972 nicht mit zur EM, weil der Spieler außer Form war. Aber er hatte ihn 1966 auch nicht mit zur WM genommen, obwohl Libuda da eine starke Saison spielte – und den BVB zum Europacupsieg schoss. Sein berühmter Heber in der Verlängerung entschied die Partie in Glasgow gegen Liverpool.
Am Tag danach säumten 300 000 Menschen die Straßen in Dortmund und jubelten einem Schalker zu. Linkisch winkte der Rechtsaußen zurück. Nach diesem Triumph knüpfte das Leben einige Fallstricke für Stan. Zwar gewann er 1972 den DFB-Pokal (endlich ein Titel mit Schalke!), aber da brauten sich schon dunkle Wolken zusammen. Libuda war, wie viele Mitspieler, in den Bundesligaskandal verwickelt; er kostete ihn ein gutes Ende seiner Karriere. Die sollte in Straßburg lukrativ ausklingen, aber die Franzosen schickten Libuda wieder weg, als der DFB ihn wegen des Skandals sperrte. Später kamen noch berufliche, gesundheitliche und familiäre Probleme hinzu. All das trug dazu bei, dass Libuda heute oft als tragische Figur gesehen wird. Doch man kann ihn auch sehen wie Stephan Mros vom „1. Stan Libuda Fanclub 04“. „Er kam aus dem verdreckten Kohlenpott, aber er konnte mit dem Ball zaubern“, sagt Mros. „Man identifizierte sich mit ihm, war unheimlich stolz auf ihn. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Platz.“