Fuß­ball­sta­dien sind keine evan­ge­li­schen Kir­chen­tage. Statt­dessen wird jeden Samstag auf den Rängen rou­ti­niert der Gegner belei­digt und der Schieds­richter als besto­chener Hand­langer des Geg­ners dif­fa­miert. Kein gutes Pflaster also für Wärme, Zunei­gung und Freund­schaft? Kei­nes­wegs, inmitten all der Feind­se­lig­keiten pflegt fast jede Fan­szene freund­schaft­liche Bezie­hungen zu Anhän­gern anderer Ver­eine, dar­unter krude Not­ge­mein­schaften und alte Ehe­paare. Ja, und tat­säch­lich ist auch Hertha dabei.


Berlin geht Baden

Die Anhänger von Hertha BSC hatten Anfang der sieb­ziger Jahre außer­halb der Stadt­grenzen einen etwa so guten Ruf wie Peter Hartz im Sozi­alamt Herne- West. Umso über­raschter reagierten die Her­thaner Mitte der Sieb­ziger, als die ein­hei­mi­schen Anhänger sie beim Aus­wärts­spiel in Karls­ruhe nicht zur obli­ga­to­ri­schen Rau­ferei hinter der Kurve, son­dern zum Bier ein­luden – und das oben­drein kos­tenlos. Da fühlte sich der sub­ven­tio­nierte Ber­liner wie daheim und fuhr immer wieder gerne hin. Eine Freund­schaft, die nicht einmal das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zer­stören kann.

Fremd­gehen mit Hertha

Als haupt­städ­ti­sche Salon­dame, wenn auch mit leicht demo­liertem Teint, war die Hertha in den acht­ziger Jahren so begehrt wie Rolf Eden in den besten Jahren im ​Café Keese“. Ver­brieft sind lose Freund­schaften der Ber­liner mit Bayern Mün­chen und Preußen Münster, zwi­schen­durch wurden in der Hertha-Kurve gar gelb-schwarz-blau-weiße Borussia- Dort­mund-Freund­schafts­schals vor­ge­zeigt. Zu Mau­er­zeiten flir­tete Hertha übri­gens ent­hemmt mit dem Nach­barn vom 1. FC Union aus Köpe­nick. Als aller­dings nach dem Mau­er­fall nicht mal mehr knur­rige Vopos am Grenz­über­gang Bahnhof Fried­rich­straße geär­gert werden konnten, erlosch die Liebe schnell.

Das alte Ehe­paar

Die Fan­freund­schaft zwi­schen Schalker und Nürn­berger Anhän­gern ist die älteste Ver­eins­be­zie­hung über­haupt. Seit Beginn der acht­ziger Jahre herrscht bei Spielen der beiden Klubs gegen­ein­ander eine kusche­lige Stim­mung wie sonst nur in Janosch-Büchern. Die Tore werden nur ver­halten beju­belt, um die Freunde nicht zu ver­letzen, nie­mand ver­spottet den anderen wegen seines komi­schen Dia­lekts, und gar gemein­same Fahnen werden in Hand­ar­beit geklöp­pelt. Warum sich aller­dings aus­ge­rechnet Schalker und Nürn­berger Fans so gut leiden können, bleibt rät­sel­haft. Wo die Liebe hin­fällt.

Gleich und gleich

Wäre der VfL Bochum eine bin­dungs­wil­lige Single-Dame, jede Agentur hätte sie schon mehr­fach unver­mit­telbar abge­lehnt, die pro­to­ty­pi­sche graue Bun­des­liga-Maus eben. Was lag da näher, als sich mit dem Klub zusam­men­zutun, den eben­falls nie­mand leiden kann, der bei bloßer Erwäh­nung Tisch­nach­barn erzürnt auf­springen lässt und dessen Nie­der­lagen Mil­lionen Men­schen den Samstag retten. Und so wurden der VfL Bochum und der FC Bayern Mün­chen ein Paar, das sich noch heute bei den Begeg­nungen gegen­ein­ander die gegen­sei­tige Treue beschwört. Zwar nicht mehr so innig wie in den ersten Jahren, aber in einer rou­ti­nierten Ehe bringt der Gatte ja auch nach zehn Jahren nicht mehr jeden Tag rote Rosen und Pra­linen mit nach Haus.

Keine Mauer kann uns trennen

Nach dem 1991 gedrehten Film ​Nord­kurve“, in dem sich St.-Pauli-Fans und Ros­to­cker Schnauz­bärte in Trai­nings­hosen prü­gelten, galt das Ver­hältnis zwi­schen ost- und west­deut­schen Anhän­gern als so zer­rüttet wie die Ehe von Este­fania und Dieter Bohlen. Dann aber reichten sich plötz­lich alte und neue Bun­des­bürger in den Sta­dien die Hände zum ewigen Bund. Mön­chen­glad­ba­cher kuschelten plötz­lich mit den Anhän­gern von Carl Zeiss Jena, Braun­schweiger schauten beim 1. FC Mag­de­burg vorbei. Nur Dynamo Dresden ver­wei­gerte sich den Avancen der Westler, die säch­si­schen Hitz­köpfe bewarfen West- busse mit Pflas­ter­steinen (Karls­ruhe), atta­ckierten Gäs­te­züge (Köln), klauten Devo­tio­na­lien (alle West-Ver­eine) und nähten daraus ein 30-Meter-Banner, auf dem in gemopsten Fan­schals ​West-Ultras aufs Maul“ steht. Prä­dikat: bezie­hungs­un­fähig.

Zer­rüt­tete Bezie­hung

Im nor­malen Leben tun sich Männer oft schwer, Bezie­hungen zu beenden, statt­dessen werden schlimme Sätze gesagt wie ​Ich bin noch nicht wieder reif für eine Bezie­hung“ oder ​Ich bin zu oft ver­letzt worden“ oder ​Ich hab dich gar nicht ver­dient“. Im Fuß­ball­sta­dion werden Bezie­hungen hin­gegen brutal und wenig ein­fühlsam beendet. Die einst glück­liche Liaison zwi­schen Mainzer und Mön­chen­glad­ba­cher Anhän­gern wurde im letzten Jahr abrupt beendet, als im Nord­park die Borussen-Anhänger die Gäste kol­lektiv mit ​Absteiger, Absteiger“-Rufen ver­ab­schie­deten. Ein trau­ma­ti­sches Erlebnis für die Mainzer, die sicher bei der nächsten Freund­schafts­an­frage ant­worten werden: Wir sind zu oft ver­letzt worden.

Drei­ecks­ver­hältnis

Viele Fuß­ball­fans lieben genau das, was furchtbar weit weg ist, genauer: Celtic Glasgow und den FC Liver­pool. Jeder deut­sche Verein, der etwas auf sich hält, pflegt eine innige Ver­bin­dung zu den beiden bri­ti­schen Renom­mier­klubs, näht bunte Freund­schafts­schals und singt inbrünstig die Liver­pooler Hymne ​You’ll never walk alone“. Dumm nur, dass in Glasgow und Liver­pool das nie­mand weiß und man prin­zi­piell auf der Insel auch nicht allzu viel von der Kuschelei unter Fuß­ball­fans hält. Dort kann man nie­manden leiden – außer sich selbst.