Sadio Mané saß auf dem Rasen der Allianz Arena, den Blick in den Münchner Abendhimmel gerichtet. Eine knappe Viertelstunde war da erst gegen Werder Bremen gespielt. Beide Arme hatte er über den angewinkelten Beinen verschränkt. Nach einem Zweikampf war Mané liegen geblieben. Nun wirkte Afrikas Fußballer des Jahres konsterniert, sein Blick leer. Er wusste wohl selbst ganz genau, was die Stunde geschlagen hatte. Eine Verletzung im letzten Heimspiel vor einem anstehenden WM-Turnier: das drohende Turnier-Aus. Bei Sadio Mané ist es besonders bitter: Auf ihm ruhen die Hoffnungen eines ganzen Landes.
Am Tag nach dem Spiel erhärteten sich die Befürchtungen: Der 30-Jährige wird die in anderthalb Wochen beginnende Weltmeisterschaft wohl verpassen. Zumindest berichteten das die französische Zeitung „L’Equipe“ und das senegalesische Portal „Taggat“. Schon unmittelbar nach Abpfiff war der 6:1‑Erfolg über Bremen nur noch eine Randnotiz gewesen. „Das muss vielleicht unters Röntgengerät und geguckt werden, ob da etwas ist. Ich hoffe es nicht, aber weiß es nicht genau“, sagte Trainer Julian Nagelsmann auf den Zustand seines Spielers angesprochen. Mit Sicherheit konnte der Bayerntrainer nur eines sagen: „Er hat einen Schlag aufs Schienbeinköpfchen gekriegt.“
Sehnenverletzung bei Mané
„L’Equipe“ schrieb am Mittwochvormittag man gehe von einer mehrwöchigen Pause bei Mané aus. Die Ferndiagnose der Sportzeitschrift lautete: Sehnenverletzung. Der FC Bayern bestätigte bislang nur den Ausfall des Flügelstürmers am Wochenende gegen Schalke: „Weitere Untersuchungen folgen in den nächsten Tagen, der FC Bayern tauscht sich dazu mit der ärztlichen Seite des senegalesischen Fußballverbandes aus“. Der wiederum bleibt vorsichtig optimistisch: Zumindest zu einem späteren Zeitpunkt könnte Mané seinem Nationalteam zur Verfügung stehen, berichtete der französische Radiosender „RMC“. Sicher ist bislang nur, dass es mit einer Turnierteilnahme in Katar äußert knapp werden dürfte.
Auch bei seinem Nationalteam wird sich ein potenzieller WM-Ausfall wie ein Schlag in die Magengrube anfühlen. Sadio Mané ist Rekordtorschütze des Senegal und aus der Startelf nicht wegzudenken. Das Team ist faktisch von seinem Linksaußen abhängig. Erst in diesem Frühjahr konnte der Senegal gegen Ägypten seinen ersten Titel einfahren. Im Elfmeterschießen gewann das Team den Afrika-Cup. Sadio Mané trat zum entscheidenden Elfer an — und verwandelte.
Wohltäter in der Heimat
Für die „Löwen von Teranga“, wie die senegalische Nationalmannschaft auch genannt wird, war der Gewinn des Afrika-Cup die Krönung einer langen Reise. Bereits 2019 stand der Senegal im Finale des Turniers, verlor aber gegen Algerien. Nach dem Turniersieg 2022 besuchte Mané sein Heimatdorf Bambali. Per Autokorso fuhr er durch den Ort, an dem er als kleines Kind mit dem Fußball angefangen hatte. Anschließend beantwortete der 30-Jährige im Dorfzentrum Fragen zum Afrika-Cup — umringt von hunderten Reportern und Fans. „Wenn ich die Bilder sehe, denke ich: Vielleicht war es der schönste Tag in meinem Leben“, sagte Mané in 11FREUNDE. Auch daran wird deutlich, wie wichtig Sadio Mané über den Fußball hinaus für sein Heimatort, aber auch das gesamte Land ist. Mit seinem Geld finanziert er Projekte in der armen Region, lässt Schulen und Krankenhäuser bauen. „Mein Vater starb, als ich noch ein Kind war. Wäre die medizinische Versorgung besser gewesen, hätte er vielleicht länger gelebt“, erzählt Mané. In seiner Heimat feiern sie den Wohltäter wegen genau solcher Aktionen als Helden.
Umso schwerer würde ein Ausfall des 30-Jährigen wiegen. Sollte Sadio Mané die Winter-WM verpassen, dürfte dies sein Team auch moralisch treffen. Dieses Jahr rechneten sich die Westafrikaner eigentlich gute Chancen aus. Immerhin gewann die Mannschaft in diesem Kalenderjahr schon ein internationales Turnier und geht als Afrikas Nummer eins ins Rennen. Aus der Verletzung des Nationalhelden ist mittlerweile auch ein Politikum geworden. Senegals Präsident Macky Sall twitterte Genesungswünsche: „Sadio, Herz eines Löwen! Ich bin mit ganzem Herzen bei dir!“ Auf die Frage, was er sich von der WM in Katar ganz persönlich wünsche, sagte Sadio Mané noch vor einigen Wochen in 11FREUNDE: „Recht lange dortbleiben zu dürfen und mit vielen schönen Erinnerungen heimzukehren, die ich nie mehr vergesse“. Nun ist vollkommen offen, ob Mané überhaupt in Katar dabei sein kann. Das Team von Coach Aliou Cisse trifft in Gruppe A auf Gastgeber Katar, Ecuador und die Niederlande. Laut „France24“ spekuliert Cisse, dass sein Starspieler noch im Laufe des Turniers dazu stoßen könnte. Am Freitag verkündet der Coach den Turnierkader — wohl mit Sadio Mané auf der Liste. Am 21. November starten die „Löwen“ dann gegen Holland in die WM. Der ganze Senegal hofft, dass ihr wichtigster Spieler dann wieder an Bord ist.