„Die Spieler, wo dieser Sprache nicht mächtig sind, die sollen sich angewöhnen, das hiesige Deutsch zu lernen.“ (Mario Basler über Youri Djorkaeff)
Es ist jetzt genau neun Jahre her, dass Giovanni Trapattoni seine berühmte Münchener Brandrede gehalten hat. Sie erinnern sich vielleicht noch an den 10. März 1998. Zwischen der schonungslosen Diagnose am Anfang („meine Spieler schwach wie eine Flasche leer“) und der knappen Schlussformel („habe fertig“) steht ein einziger langgezogener Schmerzlaut: „Struuuuunz!“ Seither ist der „Ausdruck Strunz zum Inbegriff des Inakzeptablen schlechthin geworden“, analysiert Sprachforscher Ludger Hoffmann mit wissenschaftlichem Ernst. Ich möchte einen Aspekt hinzufügen, der bislang noch nicht genannt worden ist: Dass der Italiener Trapattoni sich in der gedehnten und exklamativen Intonation des mehrfach wiederholten Wortes Strunz geradezu ergeht, verrät eine gewisse Neigung zur Koprolalie (= Fäkaliensprache). Denn „stronzo“ heißt auf Italienisch „Stück Scheiße, Arschloch“; auch im Deutschen sagt man „strunzen“ für „pissen“. Der feine Herr im feinen Tuch, als der sich Trapattoni gerne gab, hatte auch eine säuische Seite. Aber das kennen wir ja von den feinen Herren allenthalben.
Angesichts des ungewollten Dadaismus seiner Rede fragte man sich hinterher, ob der Trainer nicht besonders sprachbegabt oder gar lernfaul sei. Weder das eine noch das andere trifft zu. Trapattoni hatte schon immer eine Vorliebe für die Deutschen und das Deutsche. Als Spieler in Mailand trug er den Beinamen „Il Tedesco“ (der Deutsche). Und in München sah man ihn nie ohne sein piccolo glossario italiano-tedesco.
„Mir hamm a guat genugene Mannschaft!“
Nein, Trapattoni war willig, aber seine Umgebung machte alle seine Bemühungen, gutes Deutsch zu sprechen, brutal zunichte. Man höre sich nur einmal an, wie die Spieler auf die Rede ihres „Misters“ reagierten. Mario Basler mokierte sich in seiner eigenen Privatsprache über das Kauderwelsch: „Für dem sein Deutsch tät ich mich schäme.“ Und Didi Hamann bestritt die Auffassung des Trainers, die Truppe sei zu schwach, mit den Worten: „Mir hamm a guat genugene Mannschaft!“ Das sind nur zwei Stimmen von 20.
Die anderen waren auch nicht besser. Kann man als ausländischer Trainer gutes Deutsch lernen, wenn man täglich von Spielern umgeben ist, die ihre Muttersprache derart vergewaltigen? Wohl kaum. Also dürfen wir annehmen, dass Trapattonis Deutsch ein getreues Spiegelbild der Sprache ist, wie sie damals beim FC Bayern München gesprochen wurde. Trapattoni ist zu bemitleiden und nicht zu verlachen. Schon als Kind wurde ihm der Erwerb der deutschen Sprache mehr als schwer gemacht. Er musste in Mailand neben der Kirche Santa Maria delle Grade aufwachsen, wo das berühmte „Abendmahl“-Fresco von Leonardo da Vinci noch heute für deutsche Besucher „Letzter Abendessenanstrich“ heißt.
„Was du wollen?“
Gerade als Fremde in einem neuen Sprachraum passen wir uns der Umgebung an; es bleibt uns nichts anderes übrig. Das Beispiel von Mohamadou zeigt, wie weit das gehen kann. Mohamadou ist ein perfekt hochdeutsch sprechender Schwarzafrikaner aus Nigeria. „Ich möchte gern ein halbes Paderborner Landbrot, aber geschnitten, bitte.“ Das hatte er sagen wollen, bevor er die Bäckerei in Wolbeck bei Münster betrat. Als die Bäckersfrau mit dem flotten T‑Shirt „Wir backen’s an, Ährensache!“ den schwarzen Mann sieht, fragt sie wie automatisch: „Was du wollen?“ Mit Mohamadous Sprachgewandtheit war es auf der Stelle vorbei. Er kann nicht anders als „Ich wollen Brot“ zu stottern: Das Tun des einen ist das Tun des anderen.
Gerade in Deutschland haben es Ausländer besonders schwer, weil es kaum Deutsche gibt, die hochdeutsch sprechen. Von Friesland bis Bayern, von der Lausitz bis zur Eifel, überall wird Dialekt gesprochen. „Halts Maul!“ ist zwar nicht höflich, aber doch hochdeutsch. Nur hört man’s in Deutschland nicht so. Statt dessen: „Hol din Snut!“ „Halt dei Gosch!“ „Hul dat Mul!“ „Hoalts Mäu!“ Wir eingeborenen Deutschen haben wirklich nicht das Recht, einem Ausländer mangelndes Hochdeutsch vorzuwerfen.
Zurück zu Trapattoni. Ungefähr zur gleichen Zeit, da er seine heute bereits in die Schulbücher eingegangene Rede hielt, holte auf dem Nachbarplatz, beim TSV München 1860, Co-Trainer Peter Pacult seinen Mittelstürmer aus einem Meisterschaftsspiel, und zwar mit der wienerischen Begründung, er sei „göbbeloastet“. Trapattoni konnte man bei aller Rabulistik immerhin noch verstehen. Aber „göbbeloastet“, was soll denn das heißen? Der betroffene Spieler wusste sofort Bescheid. Er war bereits „gelb belastet“ und drauf und dran, mit einer zweiten Karte vom Platz zu fliegen.