Im Sommer 2012 saßen HSV-Trainer Thorsten Fink und Paul Scharner bei­nahe drei Stunden zusammen und unter­hielten sich über einen mög­li­chen Wechsel. Der Öster­rei­cher hatte sich gut vor­be­reitet. Fink erzählte später, dass Scharner einen Fra­gen­ka­talog dabei hatte und sich ständig Notizen machte. Am Ende des Gesprächs sagte der Spieler, dass er ein biss­chen Bedenk­zeit benö­tigte, Fink nickte. Zwei Sekunden später sagte Scharner: ​Trainer, ich mach’s!“
 
Seitdem hat der Spieler vier Par­tien für den HSV bestritten. Seine Net­to­spiel­zeit beträgt 46 Minuten. Für Scharner gibt es beim Ham­burger SV keine Zukunft mehr, er soll wech­seln, so schnell wie mög­lich. Thorsten Fink hat kürz­lich gesagt: ​Er ist nicht mehr unter den ersten vier Innen­ver­tei­di­gern.“ Die Sache ist nur: Scharner möchte bleiben. Unbe­dingt. Neu­lich sagte er dem ​Ham­burger Abend­blatt“: ​Ich werde erpresst.“ Und: ​Ich kann Krieg führen.“ Das heißt: Zur Not wird der Profi seinen Ver­trag aus­sitzen, denn in der U23 wird er auch nicht spielen. Ende der Woche ver­wei­gerte er gar das Trai­ning, weil er ​unter einem aus­ge­bil­deten Fuß­ball-Lehrer arbeiten“ möchte. Rodolfo Car­doso, Trainer des Nach­wuchs­teams, besitzt ledig­lich die A‑Lizenz.

Wie pro­gram­miert sich ein Paul Scharner?
 
Beim HSV wussten die Ver­ant­wort­li­chen, wen sie sich in die Mann­schaft holten. Alleine anhand von Zitaten könnte man eine kom­plette Scharner-Bio­gra­phie nach­zeichnen – und die müsste sich nicht mal auto­bio­gra­phisch lesen, schließ­lich spricht der Spieler gerne von sich in der dritten Person, das gute alte Lothar-Mat­thäus-Syn­drom. Und wer es kürzer mag, kann ein­fach Paul Scharners Text für ​Die Zeit“ lesen, in der ein Satz steht, der seine ganze Geschichte erklärt: ​Man muss sich schon in jungen Jahren richtig pro­gram­mieren!“
 
In jungen Jahren lief es für Scharner nicht immer gut. Bei Aus­tria Wien wurde er aus­ge­mus­tert, weil er mit dem dama­ligen Trainer Joa­chim Löw nicht zurechtkam und einmal eine Ein­wechs­lung ver­wei­gerte, weil er nicht in der Innen­ver­tei­di­gung spielen durfte. ​Ich hatte bis dahin schon auf sechs anderen Posi­tionen gespielt – irgend­wann war es genug“, sagte er später.

Wer ist Valentin Hobel?
 
Scharner flüch­tete nach seiner Ent­las­sung zum SC Unter­sie­ben­brunn, wo auch nicht viel gelang. Er saß bald wieder auf der Ersatz­bank. Trotzdem war die Zeit in in dem 1500-Ein­wohner-Nest die viel­leicht wich­tigste in seinem Leben, denn hier traf er auf einen Mann, der ihn pro­gram­mierte: Valentin Hobel. Er ist bis heute Scharners Mentor, Guru, Coach, Manager, Freund und Berater. Einige sagen gar, er sei sein Alter Ego.
 
Hobel war eben­falls bei Aus­tria Wien beschäf­tigt, hatte sich aber mit der Ver­eins­füh­rung über­worfen. Er machte sich mit einem Unter­nehmen selb­ständig, das ​Three Brain Com­pany“ heißt. Auf der Firmen-Home­page stehen Kalen­der­sprüche wie ​Gemeinsam mehr errei­chen“ oder ​Wo ein Wille, da ein Weg“, und er sagt Sätze wie: ​Wenn Paul ent­wertet wird, macht er nicht mehr mit.“ Hobel kennt sich aus mit men­talem und auto­genem Trai­ning, er hat früher Koma-Pati­enten und später den Ski­renn­läufer Mario Reiter und den Musiker DJ Ötzi betreut. Reiter gewann Olympia-Gold in Nagano, Ötzi die Herzen der Groß­raum­dis­ko­be­su­cher.
 
In Unter­sie­ben­brunn traf er 2001 auf einen 20-jäh­rigen Ersatz­spieler, der zu ihm sagte: ​Ich will so rasch wie mög­lich in der Pre­mier League spielen.“ Hobel impo­nierte das, und erzählte ihm was von Kar­rie­re­plänen. Scharner dachte, dass Hobels ​Sechs-Jahres-Kar­rie­re­plan“ der Schlüssel sein könnte, auf eine andere Ebene zu kommen: ​Ich fragte mich, warum man das Gehirn nicht so trai­nieren kann, um das gewisse Extra her­aus­zu­holen.“ Vier Jahre später wech­selte Scharner zu Wigan Ath­letic. Bei der Ver­trags­un­ter­zeich­nung trug er gefärbte Haare und einen Bären­fell­mantel.

Doch die Fans liebten ihn, denn Scharner war ein Anführer, so dachten sie. Und sie glaubten auch, dass er Schmerzen weg­denken könne, denn er ging rabiat und robust in die Zwei­kämpfe wie kein anderer Spieler, den sie kannten. Ein Paul Scharner, da waren sie sich sicher, macht keine Gefan­genen. Denn er hatte Ziele. Eines lau­tete: ​Ich will mit Man­chester United Cham­pions-League-Sieger werden.“

Ziele sind da, um zu schei­tern!“
 
Viel­leicht ver­schob sich in diesem Moment der Blick für die Rea­lität. Zwei­fels­ohne spielte Scharner gut, er wurde in die Jahr­hun­dert­mann­schaft von Brann Bergen gewählt, wo er 2004/05 gekickt hatte, er war Fan­lieb­ling in Wigan und durfte in der Natio­nal­mann­schaft immer mal wieder ran, zumin­dest dann, wenn er es sich nicht mal wieder mit einem Bun­des­trainer ver­scherzt hatte, weil ​ein Paul Scharner nicht alles mit sich machen lässt“. Aber Man­chester United? Man mag sich gar nicht vor­stellen, was pas­siert wäre, wenn Scharner Man­Uni­teds Trainer Alex Fer­guson, dessen Credo ​Macht und Kon­trolle“ lau­tete, eine Ein­wechs­lung ver­wei­gert hätte. Später sagte Scharner: ​Ziele sind da, um zu schei­tern.“ Er blieb in Wigan. Da lief es ja.
 
Im Gegen­satz zur Natio­nal­mann­schaft. Die näm­lich schien Angst vor ihm zu haben. Scharner, der Mann mit der selt­samen Bril­len­ge­stell und dem Eis­bä­ren­fell, war dem ÖFB zu spe­ziell. Zwi­schen August 2006 und August 2008 machte er kein ein­ziges Län­der­spiel, was sehr tra­gisch war, denn so ver­passte der viel­leicht bekann­teste öster­rei­chi­sche Fuß­baller jener Zeit die EM im eigenen Land. ​Wenn man in Öster­reich der Norm nicht ent­spricht, wird man schief ange­sehen“, sagte er.

Groß, kopf­ball­stark, stabil“
 
Im Früh­jahr 2012 – Scharner spielte mitt­ler­weile bei West Brom­wich Albion – klin­gelte das Telefon: eine deut­sche Nummer. In Ham­burg waren die Haare, Felle und Normen neben­säch­lich. Fink schwärmte über den neuen Defen­siv­mann: ​Groß, kopf­ball­stark, stabil – und mit Rou­tine.“ Er sei ein ​positiv Ver­rückter“, der akri­bisch trai­niere. Kurzum: die ​Ide­al­lö­sung“.
 
Doch dann ging alles schief. Scharner über­warf sich vor Sai­son­start mal wieder mit einem öster­rei­chi­schen Natio­nal­trainer. Weil Marcel Koller ihn nur als ​Back-Up“ für die WM ein­setzen wollte, nannte Scharner ihn ein ​weich­ge­klopftes Schnitzel“. Er wurde lebens­läng­lich aus der Natio­nalelf ver­bannt. In einem Inter­view mit der Ham­burger Mor­gen­post sagte er: ​Ein Paul Scharner ist in Öster­reich nicht will­kommen.“

Beim HSV lief es nicht besser. Dabei berei­tete sich Scharner auf seinen ersten Startelf-Ein­satz gut vor. Am Abend vor dem Spiel gegen Frei­burg tele­fo­nierte er mit Valentin Hobel. Er machte Yoga, Medi­ta­ti­ons­trai­ning und Atem­übungen. Er ließ sich eine DVD mit Spiel­szenen der Frei­burger Angreifer kommen und stu­dierte diese stun­den­lang.

FA-Cup-Sieger Scharner

Am Tag darauf, es war der 10. November 2012, war nach 35 Minuten alles vorbei. Scharner flog mit Gelb-Rot vom Platz. ​Ich bin zutiefst ent­täuscht von mir“, sagte er nach dem Spiel. Es folgten zwei Ein­sätze in der Schluss­phase. Das war’s. Scharner ging für ein paar Monate zurück zu Wigan Ath­letic und gewann fast im Vor­bei­gehen den FA Cup. Und eigent­lich dachten alle, Scharner würde ent­weder gleich in Eng­land bleiben oder andern­orts sein Glück ver­su­chen. Doch der Öster­rei­cher, dem vor einigen Tagen ein Angebot von Hull City vor­ge­legen haben soll, ist zurück. Und nicht nur das: Scharner will par­tout nicht mehr weg aus Ham­burg.

Wenige Tage vor dem ersten Bun­des­li­ga­spiel auf Schalke, hat sich Oliver Kreuzer auf ​Sky“ zu den Vor­würfen geäu­ßert: ​Es ist von Erpres­sung, von Men­schen­handel und von Krieg die Rede. Davon möchte ich mich ganz klar distan­zieren. Man weiß ja, dass der Paul Scharner manchmal ein biss­chen anders tickt. Er wird von uns nicht erpresst.“ Den­noch sieht es momentan so aus, als müsste der HSV finan­ziell nach­helfen, so wie er es mit Marcus Berg getan hat, dem man mit einer sechs­stel­ligen Abfin­dung einen Wechsel nach Athen schmack­haft machte.

Ein Paul Scharner gibt nie auf!
 
Neu­lich gab Scharner dem ​Kicker“ ein Inter­view. Er sagte, dass er sich womög­lich einen Aus­gleich suchen sollte: ​Viel­leicht werde ich Kick­boxer.“ Dann sin­nierte er über das harte Jahr 2012 und seine aktu­elle Situa­tion. Aber wie das so ist: ​Ein Paul Scharner, regie­render FA-Cup-Sieger, gibt nie auf – nicht mal einen Brief.“
 
Viel­leicht haben ihn Fans, Jour­na­listen, Trainer, Sport­di­rek­toren und Mit­spieler jah­re­lang unter­schätzt. Viel­leicht ist für einen Paul Scharner alles – der Fuß­ball, die Spiele, die Inter­views – eine große Comedy-Bühne. Viel­leicht hält er diesem bier­ernsten Geschäft ein­fach den Spiegel vor. Ganz sicher sollte er eines Tages dar­über in seiner Bio­gra­phie erzählen. Sie sollte den Titel tragen: ​Ich hab’s allen gezeigt, Teil 2“. Es wäre ein inter­es­santes Buch.