Frau Künast, Sie sind in Reck­ling­hausen geboren, mit­ten­drin in der Herz­kammer des Fuß­balls. In wel­ches Sta­dion hat Sie Ihr Vater als erstes mit­ge­schleppt?  

In meiner Kind­heit haben Väter ihre Töchter nicht ins Sta­dion mit­ge­nommen. Da war ja auch Frauen-Fuß­ball ver­boten.  

Wem jubeln Sie denn heute zu?  

Ich freue mich mit der Natio­nal­mann­schaft – Frauen und Männer – habe aber keinen Verein, der mein Herz zum Rasen bringen würde. Ein Mit­ar­beiter hat mir mal erklärt, dass man nicht ein­fach so Fan werden kann, son­dern dass man seinen Verein von einer geheim­nis­vollen Macht geschenkt bekommt, und zwar sehr früh. Dann trägt man ein Leben daran, Fan des VfB Stutt­gart zu sein oder eben vom Wup­per­taler SV. Da aber in den 60ern Mäd­chen und Frauen beim Fuß­ball nicht gewollt waren, habe ich auch keinen Verein geschenkt bekommen.  

Ist es ris­kant für einen Poli­tiker, sich öffent­lich zu einem Klub zu bekennen?  

Das Risiko besteht ja weniger darin, sich zu einem Verein zu bekennen son­dern darin, dass die Fans ganz schnell erkennen, wenn sich Poli­tiker anbie­dern. Als Angela Merkel 2006 Fuß­ballfan wurde, war ja wohl jedem im Land klar, warum sie plötz­lich in einem Sta­dion sitzt. Stoiber wie­derum nimmt man sein Enga­ge­ment für den FC Bayern ab. Das Risiko ist also nicht der Verein, son­dern der Oppor­tu­nismus.  

Wie viele Poli­tiker, die sich im Wahl­kampf auf den Tri­bünen der Bun­des­liga zeigen, haben wirk­lich Ahnung vom Fuß­ball?   

Die wenigsten. Mein Kol­lege Fritz Kuhn ist so einer. Aber auch der sagt mir, dass die wenigsten Poli­tiker im Sta­dion Vie­rer­kette von Fahr­rad­kette unter­scheiden können.   

Würden Sie mit einem Dort­mund-Schal durch Gel­sen­kir­chen laufen – oder umge­kehrt?   

Weder noch, denn Fuß­ball­schals sind nicht wirk­lich mein Geschmack.  

Finden sie es bedau­er­lich, dass die archai­sche Fuß­ball-Kultur der 50er und 60er Jahre einer Even­ti­sie­rung des Sports gewi­chen ist?  

Nein, über­haupt nicht. Ich finde es gut, dass Fuß­ball in der Mitte der Gesell­schaft ange­kommen ist, offen für Frauen und Männer ist, für Jungen und für Mäd­chen, für Fami­lien. Das Geglit­zere und der absurde Rummel, die viele Wer­bung, nerven zwar etwas, sind mir aber in der Abwä­gung lieber als die geschlos­sene Män­ner­welt der 50er und 60er Jahre.  

Im Zuge der Kom­mer­zia­li­sie­rung sind auch die Ein­tritts­preise in Höhe geschnellt. Kann sich ein ein­fa­cher Fami­li­en­vater es sich bald nicht mehr leisten, mit seinen zwei Kin­dern ins Sta­dion zu gehen?  

Fuß­ball als All­ge­meingut funk­tio­niert nur solange, wie die All­ge­mein­heit ihn sich auch leisten kann. Inso­fern sind die Ver­eine gut beraten, bei ihrer Preis­po­litik im Auge zu haben, dass man den Kon­takt zum ein­fa­chen Fan nicht ver­lieren darf. Wenn aber Fans von ihrem Verein die Ver­pflich­tung teurer Stars ver­langen, muss ihnen klar sein, dass das Geld dafür irgendwo her­kommen muss. Also auf­ge­passt.  

Was wäre ein ange­mes­sener Preis für eine Sitz­platz­karte mit guter Sicht beim Spiel Dort­mund gegen Schalke?  

Im West­fa­len­sta­dion war ich auch mal. Ich erin­nere mich, dass man dort eigent­lich immer ganz gute Sicht hat. Ich finde, bei 35 Euro wird es schon recht teuer. Aber die besten Plätze sind angeb­lich eh die Steh­plätze.  

Wie kann die Politik ver­hin­dern, dass der Fuß­ball vom All­ge­mein- zum Luxusgut wird?  

Gar nicht. Das müssen Ver­eine und Deut­scher Fuß­ball­bund schon selbst regeln. Und bitte ver­wech­seln Sie nicht die Bun­des­liga mit dem deut­schen Fuß­ball. Einer meiner Mit­ar­beiter geht zum 1. FC Union in die 2. Bun­des­liga. Dort kostet das Zweit­li­ga­spiel 10 Euro. Und wenn am Sonntag die Bezirks­liga kickt oder die Kids in ihren Ver­einen spielen, ist das alles, nur kein Luxus.  

Ver­eins­bosse wie Martin Kind wollen die 50+1‑Regelung kippen, die noch ver­hin­dert, dass Inves­toren Klubs kom­plett über­nehmen. Muss das von Staats wegen ver­hin­dert werden, um eine Krise zu ver­hin­dern, wie wir sie im Ban­ken­ge­werbe erlebt haben?  

Noch einmal: Die Politik muss in diesen Zeiten eine ganze Menge anpa­cken, was die Pri­vat­wirt­schaft und eine unfä­hige Mana­ger­kaste ver­bockt haben. Aber die Ret­tung von Fuß­ball­ver­einen gehört sicher nicht dazu. Der DFB ist hier der erste Ansprech­partner.  

Sind Sie dafür, dass Gehalts- und Trans­fer­ober­grenzen ein­ge­führt werden?  

Im ame­ri­ka­ni­schen Eis­ho­ckey gibt es das wohl. Ich fürchte, solche Rege­lungen werden von fin­digen Bera­tern trick­reich umgangen. Ande­rer­seits finde ich es obszön, für einen Fuß­baller knappe 100 Mio. Euro zu bezahlen.  

Von wel­chem Spieler sagen Sie: Der gefällt mir, weil er trotz Top-Gage und Star­rummel Mensch geblieben ist?  

Ich habe Toni Schu­ma­cher mal auf dem Flug­platz getroffen. Boden­ständig, witzig, ange­nehm.  

Nehmen wir an Par­teien wären Fuß­ball­ver­eine. Wel­chen Transfer würden Sie gerne tätigen?  

Ist doch klar: Wir sollten noch mehr Talente aus dem eigenen Nach­wuchs in die erste Mann­schaft inte­grieren.  

Und wel­cher »Grüne« hätte das Zeug zum Fuß­baller gehabt? Trittin? Fischer? Özd­emir?  

Hätte?! Joschka Fischer war ein erfolg­rei­cher Außen­ver­tei­diger bei der besten Par­tei­mann­schaft der Bun­des­re­pu­blik, der »Grünen Tulpe«!  

Sollten die Frak­tionen nicht einmal die Woche gegen­ein­ander antreten, um sich mal so richtig aus­zu­powern? In diesen Kon­fe­renzen kriegt man doch irgend­wann Kopf­schmerzen.  

Nein, unsere Auf­gabe ist es ja nicht, uns »mal so richtig aus­zu­powern«. Poli­tiker sollen im Mei­nungs­wett­streit um die besten Lösungen für das Land, für die Men­schen ringen. Man könnte mal ein Fuß­ball­spiel orga­ni­sieren, sagen wir für einen guten Zweck, aber das ist etwas anderes.