Ein kalter Frei­tag­abend im November 2019. Die Stim­mung bei Borussia Dort­mund ist ange­spannt. Nach elf Spiel­tagen steht der BVB unter Lucien Favre nur auf dem sechsten Rang. Da kommt das Tabel­len­schluss­licht aus Pader­born gerade recht. Doch die Pader­borner erweisen sich im West­fa­len­sta­dion nicht wie gedacht als Auf­bau­gegner, son­dern führen den BVB vor hei­mi­scher Kulisse förm­lich vor. Zur Pause stellen Gerrit Holt­mann und ein dop­pelter Streli Mamba auf 3:0. Die Süd­tri­büne schickt die Dort­munder Mann­schaft mit einem gel­lenden Pfeif­kon­zert in die Kabine. In der zweiten Halb­zeit berap­pelt sich der BVB: Jadon Sancho trifft zwei Minuten nach Wie­der­an­pfiff mit einem plat­zierten Abschluss, dann köpft Axel Witsel eine Flanke von Mats Hum­mels ins lange Eck. Der BVB wirft in dieser zweiten Halb­zeit alles nach vorne, die Stim­mung im Sta­dion hat sich inzwi­schen kom­plett gedreht. Und dann kommt die 92. Minute.

Irgendwie landet ein hoher, abge­fälschter Ball bei Jadon Sancho an der linken 16er-Kante. Der 19-Jäh­rige hat etwas Platz, hebt den Kopf und strei­chelt den Ball gefühl­voll in Rich­tung Fünf­me­ter­raum. Der durch­ge­star­tete Marco Reus muss nur den Kopf hin­halten – und es steht 3:3. Der Jubel ist explo­si­ons­artig. Doch er währt nur für einen Moment. Kurz darauf ist Schluss. Ein Punkt gegen den Abstiegs­kan­di­daten ist zu wenig. Und den­noch bringt das Spiel gegen Pader­born auf lange Sicht die Wende. Am Ende der Saison steht der BVB auf dem zweiten Tabel­len­platz. Der wich­tigste Faktor des Auf­schwungs: Jadon Sancho.

Noch vor dem Spiel hatte der Youngster in der Kritik gestanden. Wegen einer Trai­nings­ver­spä­tung war er sus­pen­diert und vom Verein zu einer hohen Geld­strafe ver­ur­teilt worden. Danach, beim Spiel gegen Wolfs­burg, hatte er 90 Minuten auf der Bank gesessen. Anschlie­ßend dreht der Eng­länder auf. Nach seinem Tor und seiner Vor­lage gegen Pader­born gelingen ihm in 17 Spielen wei­tere 23 Tor­be­tei­li­gungen. Er wird im Laufe dieser Saison zu einem der begehr­testen Spieler in ganz Europa auf­steigen. Beim BVB wissen die Ver­ant­wort­li­chen: Jadon Sancho wird nicht ewig in der Bun­des­liga zu halten sein. Eine schmerz­hafte Erkenntnis, aber sie ist Teil der wirt­schaft­li­chen Stra­tegie von Borussia Dort­mund. Und so kommt es dann auch: Im Sommer 2021 schließt sich Sancho Man­chester United an.

Zwei Jahre sind seither ver­gangen. Zeit, in der sie in Dort­mund gelernt haben, ohne Jadon Sancho zu leben. Nun aber macht ein Gerücht die Runde. Der Stürmer will angeb­lich nach Dort­mund zurück­kehren – und das so schnell wie mög­lich. Er soll Man­chester United bereits über seine Wech­sel­ab­sichten infor­miert haben und auch BVB-Sport­di­rektor Sebas­tian Kehl soll schon erste Gespräche mit seinen Bera­tern führen. Das Ver­hältnis zwi­schen den Ver­ant­wort­li­chen und Sancho sei nach wie vor gut, so heißt es. Und doch sind die Dort­munder skep­tisch. Die besten Erfah­rungen mit Rück­keh­rern haben sie an der Stro­bel­allee nicht gemacht. Shinji Kagawa, Mario Götze oder Nuri Sahin lie­ferten in den ver­gan­genen Jahren eher abschre­ckende Bei­spiele. Könnte es diesmal anders laufen?

Der sport­liche Wert

Der BVB lässt in der aktu­ellen Saison vor allem gegen tief ste­hende Gegner Punkte liegen – zuletzt gegen Bochum, Stutt­gart oder Schalke. Ein Grund dafür ist die man­gelnde Qua­lität der Dort­munder im geg­ner­über­win­denden Dribb­ling auf engem Raum. Die Außen­stürmer Donyell Malen und Karim Adeyemi schließen nur 39,8 bezie­hungs­weise 31,6 Pro­zent ihrer Dribb­lings erfolg­reich ab. Zum Ver­gleich: Jamal Musiala und Leroy Sané kommen auf Werte von knapp über 50 Pro­zent. In der Kon­se­quenz bedeutet das für den BVB häufig: Ball­ver­lust, Konter, Gegen­pres­sing.

Jadon Sancho in Top­form zählt in Eins-gegen-Eins-Situa­tionen hin­gegen zu den besten Offen­siv­spie­lern der Welt. In seiner Abschieds­saison für die Schwarz-Gelben konnte der Eng­länder ganze 52,4 Pro­zent seiner Dribb­lings erfolg­reich abschließen. Durch seine Ball­si­cher­heit bindet er Gegen­spieler, schafft Räume für seine Kol­legen und begibt sich immer wieder selbst in tor­ge­fähr­liche Situa­tionen. Er kann damit Spiele im Allein­gang ent­scheiden – und genau das fehlt dem BVB in dieser Saison. In der Bun­des­liga treffen die Dort­munder näm­lich selten nach Ein­zel­ak­tionen. Sie gewinnen (oder ver­lieren) ihre Spiele in der Regel im Kol­lektiv.

Dem BVB, der in der lau­fenden Rück­runde einen gewissen Ergeb­nis­mi­ni­ma­lismus an den Tag legt, fehlt ein echter Tops­corer. Die meisten Tor­be­tei­li­gungen hat mit Raphael Guer­reiro der­zeit ein Außen­ver­tei­diger. Jadon Sancho würde den BVB ins­ge­samt wieder varia­bler und vor allem zwin­gender im Offen­siv­spiel machen. In seiner Zeit bei der Borussia konnte er in drei auf­ein­an­der­fol­genden Sai­sons je 20 Treffer vor­be­reiten. Damals pro­fi­tierten vor allem Paco Alcacer und Erling Haa­land von Sanchos Prä­zi­sion und seinem per­fek­tio­nierten Abwägen zwi­schen Drib­beln und Passen. Sein Assis­tieren hat der BVB seither nicht kom­pen­siert. Jetzt könnte er Sébas­tien Haller und Yous­soufa Mou­koko mit Bällen füt­tern – die sich mit ihren aktuell (nur) vier bezie­hungs­weise sieben Sai­son­toren über Vor­lagen freuen dürften.

Wäh­rend der ersten Amts­zeit von Edin Terzic ent­wi­ckelte sich Sancho zum Dreh- und Angel­punkt des Dort­munder Spiels. Sinn­bild dafür ist etwa das DFB-Pokal­fi­nale 2021 gegen RB Leipzig. Bei seinem letzten großen Ein­satz in Schwarz-Gelb trumpfte der Eng­länder auf, traf dop­pelt und berei­tete ein wei­teres Tor vor. ​Ich liebe den Klub, die Fans und das Team“, sagte Sancho damals – und weckte bei einigen Fans die Hoff­nung, dass er viel­leicht doch länger beim BVB bleiben würde. Schließ­lich war er mitt­ler­weile Vize­ka­pitän, sport­li­cher Anführer auf dem Platz und Aus­hän­ge­schild für den Dort­munder Weg.

Top­ta­lent in der Krise

Es war Jadons aus­drück­li­cher Wunsch, zurück in sein Hei­mat­land und in die Pre­mier League zu wech­seln“, sagte Hans-Joa­chim Watzke 2021 zu dem Transfer. ​Er hat sich dabei jeder­zeit absolut kor­rekt ver­halten. Ich möchte mich daher im Namen aller Borussen bei ihm bedanken.“

85 Mil­lionen ließen sich die Red Devils die Dienste des damals 21-Jäh­rigen kosten. Die trat er aller­dings mit der schweren Hypo­thek eines ver­lo­renen EM-Finals in London an – inklu­sive eines ver­schos­senen Elf­me­ters. Wenige Wochen später wurde ihm mit Cris­tiano Ronaldo zudem ein anderer ​Top-Transfer“ vor die Nase gesetzt. Sancho fand sich anfangs häu­figer nur auf der Bank wieder, wurde zwi­schen­zeit­lich als Außen­ver­tei­diger ein­ge­setzt. Mit einem Mal war er dann ganz ver­schwunden – wegen ​kör­per­li­cher und men­taler Pro­bleme“, wie United-Trainer Erik ten Hag erklärte.

Infol­ge­dessen wurde Sancho vor­über­ge­hend aus Uniteds Kader gestri­chen. Auch die WM in Katar ver­passte er, bei der Eng­land gegen den spä­teren Fina­listen Frank­reich im Vier­tel­fi­nale aus­schied. Statt­dessen absol­vierte Sancho ein indi­vi­du­elles Trai­nings­pro­gramm in den Nie­der­landen, abge­schottet von der Öffent­lich­keit. Erst nach drei Monaten kehrte er wieder zurück zu seinem Verein. Doch dort scheinen seine Tage nun gezählt. Der Guar­dian will von einer internen Streich­liste von Trainer ten Hag wissen, auf der neben etli­chen anderen Namen wie Harry Maguire, Scott McTo­minay oder Anthony Mar­tial auch Jadon Sancho stehen soll. Dem­nach wäre Man­chester United durchaus bereit, den Spieler ziehen zu lassen – auch, um im Kader Platz für neue Trans­fers zu schaffen.

Die Süd­deut­sche Zei­tung will erfahren haben, dass der Spieler eine ein- bis zwei­jäh­rige Leihe zum BVB vor­ge­schlagen hat – und das ​lieber heute als morgen“. Für den Spieler könnte das Trans­fer­fenster im Sommer ent­schei­dend dafür sein, ob er über­haupt nochmal sein aller­höchstes Niveau erlangen wird. In Dort­mund, so glaubt Sancho jeden­falls selbst, könnten die Vor­aus­set­zungen dafür am besten sein.