Ein Mann muss manchmal tun, was ein Mann tun muss. Und weil er grad da war, ergriff Jörg Schmadtke die Gele­gen­heit beim Schopfe – und machte die Sache publik: Ende Oktober gab der Sport­di­rektor bekannt, dass zum Sai­son­ende für ihn in Aachen Schluss sein würde. Live und in Farbe im DSF, nur Minuten vor dem Anpfiff des Spiels seiner Ale­mannia gegen den FSV Mainz 05. Kün­digte da ein Manager seine tri­um­phale Abschieds­tournee bei einem Klub an, den er in sieben Jahren vom Plei­te­klub zum UEFA-Cup-Teil­nehmer gemacht hatte? Oder pro­vo­zierte ein ego­zen­tri­scher Trickser hier ledig­lich seine Demis­sion?

Der Vor­stand berei­tete dem Spuk ein schnelles Ende. In einer kurz­fristig anbe­raumten Pres­se­kon­fe­renz ver­kün­dete Auf­sichts­rats­boss Dr. Jürgen Linden um 23.49 Uhr des 20. Okto­bers 2008 die Beur­lau­bung des Sport­di­rek­tors. Im ver­flixten siebten Jahr. Es gibt Bezie­hungen, die zer­bre­chen, weil ein Partner sich neu ver­liebt. Die meisten aber gehen kaputt, weil einer den anderen nicht mehr erträgt. So war es wohl auch in diesem Fall – ein Ver­hältnis, das auf Gegen­sei­tig­keit beruhte. Nur wer hat hier eigent­lich wen ver­lassen?

»Er hat deut­lich gemacht, dass es ihm an Moti­va­tion für den Job fehlt«

Es gibt eine kurze und eine lange Ver­sion der Geschichte: Die kurze begann im März dieses Jahres. Damals traf sich der Vor­stand mit Schmadtke, um über dessen Zukunft zu beraten. Die Welle des Erfolgs, auf der der Klub unter dem zupa­ckenden Sport­di­rektor lange Zeit surfte, war abge­ebbt. Mit Guido Buch­wald hatte Schmadtke seinen Coach für die lau­fende Saison bereits wieder ent­lassen müssen. Und an den erhofften Wie­der­auf­stieg ins Ober­haus wagte nie­mand mehr zu denken. Ale­mannia düm­pelte im Nie­mands­land der Liga. Im Vor­feld der Bespre­chung soll Schmadtke von einem der Auf­sichts­räte gefragt worden sein, ob er der Ansicht sei, seinem Job noch gerecht zu werden. Was bei dem ver­dienten Manager nach sieben Jahren Klub­zu­ge­hö­rig­keit durchaus zu einiger Ent­rüs­tung führte. »Unap­pe­tit­lich« sei der Umgang sei­tens des Auf­sichts­rats­chefs mit ihm gewesen. Er signa­li­sierte den Bossen also, dass er nicht an seinem Job kleben würde. »Er hat deut­lich gemacht, dass es ihm an Moti­va­tion für den Job fehlt«, sagt Aachen-Geschäfts­führer Fri­thjof Kraemer, was Schmadtke vehe­ment bestreitet: »Dafür ist die Trans­fer­pe­riode im Sommer aber noch mal ziem­lich gut gelaufen.«

Der Auf­sichtsrat hatte damals gehofft, den Manager mit einem Blu­men­strauß und Aachener Printen zu ver­ab­schieden. Doch Schmadtke ver­langte eine ange­mes­sene Abfin­dung, die sich der wirt­schaft­lich unter Druck ste­hende Klub nicht leisten wollte. Sein Ver­trag lief noch bis Ende Juni 2009, also setzte man wohl oder übel die Zusam­men­ar­beit fort und traf sich am 15. Oktober 2008 erneut, um »ergeb­nis­offen« über seinen Ver­bleib bei Ale­mannia Aachen zu spre­chen. Doch längst mel­dete der Flur­funk auf der Geschäfts­stelle, dass die Ent­schei­dung des Auf­sichts­rates gegen den Manager gefallen sei.

»Warum lange her­umeiern?«

Beim frei­täg­li­chen Jour Fix mit Fri­thjof Kraemer teilte der Geschäfts­führer Schmadtke mit, die Füh­rung sei über­ein­ge­kommen, dass es besser sei, zukünftig getrennte Wege zu gehen. Das Angebot: Der Manager sollte zum 15. Dezember 2008 beur­laubt werden und bis zum Ende seines Ver­trages auf 40 Pro­zent seiner Bezüge ver­zichten. Schmadtke nahm die Ent­schei­dung mit ins Wochen­ende zur Reno­vie­rung in seine Woh­nung nach Düs­sel­dorf. Kurz­mit­tei­lungen auf seinem Handy, die wäh­rend der freien Tage von der Klub­füh­rung bei ihm ein­trafen, ließ er unbe­ant­wortet. Am Montag machte er Kraemer ein Gegen­an­gebot: Er werde auf maximal 20 Pro­zent ver­zichten und die Ent­schei­dung, dass er als Sport­di­rektor auf­höre, solle noch heute bekannt gegeben werden.

Gegen 17 Uhr des 20. Okto­bers erbat sich der Geschäfts­führer einen Auf­schub der Bekannt­gabe bis Mitt­woch, weil er so schnell kein Feed­back vom Auf­sichtsrat ein­holen könne. Schmadtke aber, der am Freitag zuvor bei einer Spiel­be­ob­ach­tung in Bochum von einem DSF-Mann ange­spro­chen worden war, ob er für eine sport­liche Ein­schät­zung vor dem Heim­spiel der Ale­mannia gegen Mainz 05 für ein Inter­view zur Ver­fü­gung stünde, nutzte die publi­ci­ty­träch­tige Gele­gen­heit. Da das Live-Inter­view so kurz vor dem Spiel statt­fand, dass der Inhalt des Gesprächs erst nach dem Abpfiff bei der Mann­schaft ankam, ver­kün­dete er seinen Abschied: »Warum lange her­umeiern?«

Die aus­führ­liche Fas­sung dieses Zer­würf­nisses begann wie bei so vielen emo­tio­nalen Schei­dungs­dramen mit sehr viel Lei­den­schaft. Im Herbst 2001 stand die Ale­mannia vor ihrem Ende. 4,5 Mil­lionen Euro Schulden drückten den Verein fast in die Insol­venz. Schmadtke: »Es gab nichts: kein Scou­ting, keine Ver­träge, keine Spieler.« Der Verein schal­tete ein Stel­len­an­gebot im »Kicker«: »Manager gesucht«. Jörg Schmadtke schien trotz aller Uner­fah­ren­heit wie gemacht für den Kri­senjob, in dem unkon­ven­tio­nelles Han­deln und Anspruchs­lo­sig­keit gefragt war. Nach zwölf Jahren im Tor von For­tuna Düs­sel­dorf, dem SC Frei­burg und bei Bayer Lever­kusen hatte er sich als Ver­treter einer Kunst­ra­sen­firma und als Tor­wart­trainer bei For­tuna Köln und Co-Trainer von Rainer Bonhof bei Borussia Mön­chen­glad­bach ver­sucht.

»Als ich in Aachen anfing, war der Verein wie ein rotie­render Tisch, auf dem Jörg Berger und ich standen und ver­zwei­felt ver­suchten, die Balance zu halten – heute steht dieser Tisch bom­ben­fest.«

Am 7. November 2001 trat er an, vier Tage später wurde er bereits in den Not­vor­stand des Klubs an die Seite von Dr. Jürgen Linden beor­dert, weil der bis­he­rige Vor­stand zurück­treten musste. Die Auf­räum­ar­beiten begannen. Er führte sinn­volle Büro­struk­turen ein, ließ die Ver­träge über­ar­beiten, hatte mit Jörg Berger einen robusten und erfah­renen Coach an seiner Seite und ver­brachte fortan jede freie Minute auf Pro­vinz­sport­plätzen, um nach güns­tigen Talenten zu fahnden.

Am Ende der Saison 2001/2002 standen im Kader der Ale­mannia gerade einmal elf Spieler mit lau­fenden Ver­trägen. Zwölf Monate später ver­mel­dete Schmadtke dann seinen ersten spek­ta­ku­lären Transfer: Die Ver­pflich­tung von Eric Meijer war rich­tungs­wei­send. Schmadtke erin­nert sich: »Unser Vize­prä­si­dent Tim Hammer sagte zu mir: Hol mir einen Spieler, mit dem ich durch die Stadt gehen und Mar­ke­ting machen kann.« Der Nie­der­länder kam an den Tivoli – und ver­lieh dem tristen Image der Kar­tof­fel­käfer nach langer Lei­dens­zeit end­lich wieder den Glanz der großen weiten Fuß­ball­welt. Der volks­nahe Meijer – in Kom­bi­na­tion mit dem urigen Willi Land­graf – wurde das Gesicht der neuen Ale­mannia, die unter dem Motto »Arm, aber sexy« ein neues Selbst­be­wusst­sein aus­bil­dete.

»Schm­addi macht das schon«

In der Folge lan­dete Jörg Schmadtke mit jeder Spiel­zeit neue Trans­fer­er­folge. Für Simon Rolfes, Jan Schlau­draff und auch Vedad Ibi­sevic wurde der Tivoli zum Sprung­brett für eine große Kar­riere. 30 Monate nachdem Schmadtke beim Abwick­lungs­kan­di­daten Ale­mannia ange­heuert hatte, erreichte der Klub das DFB-Pokal­fi­nale in Berlin. Dort waren die Ale­mannen dem deut­schen Meister Werder Bremen zwar knapp unter­lagen, zogen aber in den UEFA-Cup ein und sanierten sich dort über das Errei­chen der Grup­pen­phase in Rekord­zeit. Schmadtke: »Als ich in Aachen anfing, war der Verein wie ein rotie­render Tisch, auf dem Jörg Berger und ich standen und ver­zwei­felt ver­suchten, die Balance zu halten – heute steht dieser Tisch bom­ben­fest.«

Trotz seiner Erfolge wurde Schmadtke von Beginn an eher geachtet als geliebt. Doch so lange die Erfolgs­kurve nach oben zeigte, konnte das Umfeld mit seinem Ein­zel­gän­gertum und seiner feh­lenden Bereit­schaft, aus­ge­lassen mit den Fans zu feiern, sehr gut leben. Wäh­rend Auf­sichts­räte in den Fan­kneipen her­um­standen, mimte er den Outlaw. Bei der Auf­stiegs­feier 2006 musste er von den Spie­lern auf dem Rat­haus­balkon regel­recht genö­tigt werden, sich an der Brüs­tung den Fans zu prä­sen­tieren. »Schm­addi macht das schon«, ver­ließen sich nicht nur die Anhänger, son­dern auch die Klub­bosse in den ersten Jahren gern auf die Geschicke des Mana­gers, der den Weg­gang von Erfolgs­coach Jörg Berger ebenso über­gangslos mit dem beliebten Dieter Hecking kom­pen­sierte, wie später immer wieder die Abgänge prä­gender Spieler.

Auf unkon­ven­tio­nelle Weise negierte er das unge­schrie­bene Gesetz, dass einst Ale­mannia-Trainer Peter Neururer nach seiner Ent­las­sung im April 1989 zu Pro­to­koll gegeben hatte: »In Aachen hast du keine Chance, wenn du kein Öcher Platt sprichst.« Sein unbän­diger Fleiß beim Scou­ting (85 000 Kilo­meter jähr­lich im Dienst­wagen zu Spiel­be­ob­ach­tungen), seine guten Kon­takte in die Fuß­ball­szene (sein Tele­fon­buch ver­misst die Ale­mannia derart, dass ihn noch immer Ex-Kol­legen nach Num­mern fragen), sein Selbst­be­wusst­sein und seine Durch­set­zungs­fä­hig­keit machten ihn zu einem Fels in der peit­schenden Bran­dung der anfäng­li­chen Kri­sen­zeit. Chris­toph Pauli, Sport­chef der »Aachener Zei­tung«, bringt es auf den Punkt: »Er ist die Ide­al­be­set­zung für Klubs, die ver­zwei­felt sind. Denen beschert er eine außer­or­dent­liche Ren­dite. Schmadtke funk­tio­niert aber am besten, wenn man seine Spiel­re­geln akzep­tiert, denn er gefällt sich in der Rolle als Kauz oder Quer­denker.«

Dank des ehe­ma­ligen Kunst­ra­sen­ver­käu­fers war Ale­mannia Aachen bald wieder ein Mus­ter­schüler der Zweiten Liga. Doch mit dem Erfolg stiegen auch die Erwar­tungen und die Anzahl derer, die mit­ver­ant­wort­lich für die Hausse sein wollten. Immer öfter ent­puppte sich Schmadtke als Spaß­bremse in der Euphorie. Auf der einen Seite er, der akri­bi­sche Arbeiter, der die Tücken des Erfolges und der hohen Erwar­tungen kennt, auf der anderen die beglückten Ehren­amtler im Auf­sichtsrat der 2006 aus­ge­la­gerten Fuß­ball GmbH der Ale­mannia, die im Ange­sicht des sicheren Erst­li­ga­auf­stiegs schon lange vor Sai­son­ende 2005/2006 in Par­ty­stim­mung gerieten.

»Front­zeck war ein guter Trainer, aber in Aachen wollte ihn letzt­lich keiner haben.«

Als im April 2006 der Rück­kehr ins Ober­haus prak­tisch voll­zogen war, blökte Schmadtke gezielt mit einem Inter­view in der »Aachener Zei­tung« gegen die all­seits auf­jau­lende Feten­musik an: »Wenn man genauer hin­schaut, erkennt man, dass der eine oder andere nur noch tau­melt. (…) Manche Dinge werden nur noch abge­ar­beitet, pla­ne­ri­sche Vor­aus­schau fehlt.« Ein Warn­schuss an die fuß­ball­fernen Bosse im Auf­sichtsrat, der seine Wir­kung nicht ver­fehlte. Und das erste Mal signa­li­sierte ihm die Klub­füh­rung, er möge sich mit seinen Äuße­rungen zukünftig mehr zurück­halten, sonst drohten dis­zi­pli­na­ri­sche Maß­nahmen. Der avi­sierte Fünf­jah­res­ver­trag, den Schmadtke nach dem Auf­stieg erhalten sollte, wurde auf drei Jahre begrenzt.

Zu seinen Gegen­spie­lern avan­cierten zuneh­mend die beiden mäch­tigen Männer im Auf­sichtsrat: Aachens Ober­bür­ger­meister Dr. Jürgen Linden, der den Manager 2001 ein­ge­stellt hatte, und der Banker Franz-Wil­helm Hil­gers. Die Men­ta­li­täts­un­ter­schiede der beiden ver­gli­chen mit dem kau­zigen Schmadtke könnten größer kaum sein. Ohne Volks­tribun Dr. Jürgen Linden läuft im öffent­li­chen Leben Aachens nichts.

Linden mischt überall mit, im Prä­si­dium des Deut­schen Städ­te­tages, im Vor­stand der Aachener Spar­kasse und im Kar­neval. In seinem aktu­ellen Lebens­lauf stehen nicht weniger als 22 Funk­tionen und Ehren­ämter in öffent­li­chen Ein­rich­tungen. Wenn er durch die Fuß­gän­ger­zone geht, kennt er auf­fal­lend viele Pas­santen mit Namen. In Aachen scherzen sie, wenn Karl der Große noch leben würde, er könnte nur mit Lin­dens Gunst erneut den Thron besteigen. Hil­gers, Vor­stand der Aachener Bank und ein Mann, wie er fuß­ball­fremder kaum sein kann, war die Hemds­är­me­lig­keit des Mana­gers von Anfang an ein Dorn im Auge. Nicht zuletzt, weil auch das exor­bi­tante Gehalt, das Schmadtke nach dem Bun­des­li­ga­auf­stieg 2006 bezog, nicht mehr in die Vor­stel­lungs-welt des hono­rigen Betriebs­wirts passte.

»Ein Gre­mium, das der sport­li­chen Lei­tung neun Monate die Knüppel zwi­schen die Beine geworfen hat.«

Und es vollzog sich all­mäh­lich das fast schon gewohnte Macht­spiel, das in Pro­fi­ver­einen statt­findet, wenn sport­li­cher Sach­ver­stand und Ver­eins­meierei mit­ein­ander kol­li­dieren: Die erste Per­so­nalie, die Schmadtkes Ansehen im Klub beschä­digte, war die Ver­pflich­tung des Trai­ners Michael Front­zeck. Neben Front­zeck stand auch Jos Luhukay für die Nach­folge des schon bald nach Han­nover abge­wan­derten Dieter Hecking in der engeren Aus­wahl. Schmadtke aber gelang es, den Jung­coach vom Nie­der­rhein beim Klub durch­zu­drü­cken. Linden fehlte in der Sit­zung, als über den Coach ent­schieden wurde.

Doch der fuß­bal­le­ri­sche Stamm­baum eines ver­hassten Ex-Glad­ba­chers machte Front­zeck von Beginn an zur Per­sona non Grata bei den Fans. Hans Libotte, Spre­cher Fan-Ver­ei­ni­gung »IG-Ale­mannia«, sagt: »Der war zu Glad­ba­cher Zeiten mit dem Stin­ke­finger vor unserem Fan­block rum­ge­laufen – und nun saß er bei uns auf der Bank.« Das Expe­ri­ment miss­lang – bis zum 26. Spieltag lag die Ale­mannia noch im gesi­cherten Mit­tel­feld der Bun­des­liga, dann ver­schlech­terten sich die Ergeb­nisse zuse­hends. Auch im Vor­stand waren in dieser Zeit offen­sicht­lich einige Herren geneigt, sich der Mei­nung der Fans bezüg­lich des Trai­ners anzu­schließen – der Vor­sit­zende des Ale­mannia-Ältes­ten­rates Pro­fessor Helmut Breuer nannte ihn »nichts weiter als ein Co-Trainer«.

Am Ende der Bun­des­li­ga­saison, die mit dem Abstieg endete, schmiss Front­zeck ent­nervt die Bro­cken hin und gab dem Auf­sichtsrat beim Abschied eine gehö­rige Mit­schuld an seinem Mob­bing: »Ein Gre­mium, das der sport­li­chen Lei­tung neun Monate die Knüppel zwi­schen die Beine geworfen hat.« Bis heute gilt der Abstieg bei allen Betei­ligten in Aachen als eine Ver­ket­tung unglück­li­cher Umstände, die sich nur schwer in Worte fassen lasen. Schmadtke resü­miert: »Front­zeck war ein guter Trainer, aber in Aachen wollte ihn letzt­lich keiner haben.«

Nach diesem Fiasko prä­sen­tierte Schmadtke zwei Nach­folge-Vari­anten: Den von ihm prä­fe­rierten Jürgen See­berger – und Guido Buch­wald, der bis dato nur in Japan als Coach Erfah­rungen gesam­melt hatte. Geblendet von der Vor­stel­lung, unter einem Welt­meister den Wie­der­auf­stieg zu schaffen, ent­schieden sich Auf­sichtsrat und Geschäfts­füh­rung für den Schwaben. Schmadtke über­ließ diesmal den Bossen die Ent­schei­dung. Er hatte sich bei seinem Vor­schlag auch auf die Ein­schät­zung von Buch­walds Co-Trainer Gert Engels bei den Urawa Red Dia­monds ver­lassen – doch die Vor­aus­set­zungen in der deut­schen Zweiten Liga über­for­derten den Schwaben von Anfang an.

»Sag a mal, Fiéllo, hascht du eigent­lich auch einen Vor­namen?«

Ganz abge­sehen davon, dass ihm das Faible für das raue Aachener Tem­pe­ra­ment abging. Er ver­wech­selte Namen der geg­ne­ri­schen Spieler bei seinen Kabi­nen­an­spra­chen. Seine Profis machten sich über ihn lustig, weil er nach einem Trai­ning minu­telang durch die Kabine irrte und jeden Spieler nach einem Fön fragte. Den lang­jäh­rigen Ale­mannen, Mit­tel­feld­spieler Cris­tian Fiél, soll er noch Wochen nach Sai­son­be­ginn nur unter seinem Spitz­namen gekannt und ihn schließ­lich gefragt haben: »Sag a mal, Fiéllo, hascht du eigent­lich auch einen Vor­namen?« Zum ersten Mal hatten sich die Bosse über den Rat ihres Sport­ma­na­gers hinweg gesetzt – und sie hatten daneben gegriffen. Iro­nisch über­nahm Schmadtke in den Medien die Ver­ant­wor­tung für die Per­so­nalie Buch­wald – und setzte sich nach der Aus­wärts­nie­der­lage in Augs­burg am 14. Spieltag bis zur Win­ter­pause 2007/2008 über­gangs­weise selbst auf die Bank.

Doch die schlechten Ergeb­nisse hatten die Bosse miss­trau­isch gemacht. Der Auf­sichtsrat unterzog Schmadtkes Arbeit nun zuneh­mend einer Qua­li­täts­kon­trolle. Fortan war der Manager ange­halten, monat­lich bei den Auf­sichts­rats­sit­zungen über das Scou­ting zu refe­rieren, damit die hohen Herren über den Fort­gang der Ent­wick­lung im Bilde waren. Ein Affront gegen ihn, der doch in Aachen ein struk­tu­riertes Scou­ting erst ein­ge­führt hatte. Bis dato hatte der Sport­di­rektor Trans­fer­fragen aus­schließ­lich mit dem Trainer erör­tert, um den Kreis der Mit­wisser zu begrenzen und so eine ver­frühte Bekannt­ma­chung neuer Ver­pflich­tungen zu ver­hin­dern. »Denn ein Klub wie die Ale­mannia hat auf­grund seiner wirt­schaft­li­chen Situa­tion keine Chance, Spieler teuer ein­zu­kaufen. Und wenn ein Transfer vor Vollzug öffent­lich wird, inter­es­sieren sich auto­ma­tisch auch andere für den Spieler.«

Schmadtke fühlte sich kon­trol­liert – und tat das, was ihm vom Natu­rell her am nahesten lag: Er schal­tete auf stur – und sorgte dafür, dass er des Öfteren an Tagen der Auf­sichts­rats­sit­zungen Urlaub hatte. Es endete im Klein­krieg: Als im ambi­tio­nierten Sta­di­on­pro­jekt am Tivoli der offi­zi­elle Spa­ten­stich voll­zogen wurde, ließ sich Schmadtke ent­schul­digen, weil er auf Scou­ting­tour müsse. Er war sauer, dass er die Ein­la­dung erst zwei Tage vorher erhalten hatte. Er sagt: »Ich gehe halt nicht gerne auf Pres­se­ter­mine, bei denen ich den Ein­druck habe, dass man mich nicht dabei haben will.« Der sonst so gleich­mü­tige Linden rief seinen Manager nun schon deut­lich gereizter zu mehr Ent­ge­gen­kommen auf.

»Wenn Jörg schlechte Laune hatte, war man froh, wenn man ihm nicht begeg­nete.«

»Das Ver­trauen schwand. Das neue Sta­dion, die Ambi­tionen – der Auf­sichtsrat verlor die Nerven und war nicht mehr in der Lage das große Ganze zu sehen, son­dern griff immer häu­figer Details auf«, resü­miert der Manager. Weil der Klub die Leis­tungs­träger nicht halten konnte, wurde ihm nun sogar Nai­vität unter­stellt, weil etwa Vedad Ibi­sevic im Ver­trag eine Frei­gabe für einen ablö­se­freien Wechsel in die Erste Liga besaß. Ohne diese Optionen hätte Aachen jedoch nie die Chance gehabt, Leis­tungs­träger wie den Bos­nier zu bekommen.

Schmadtkes Ent­frem­dung im Mikro­kosmos der Geschäfts­stelle war zu diesem Zeit­punkt eben­falls weit fort­ge­schritten. Selbst Eric Meijer sagt: »Wenn Jörg schlechte Laune hatte, war man froh, wenn man ihm nicht begeg­nete.« Das war es wohl auch, was Dr. Jürgen Linden meinte, als er in der Nacht von Schmadtkes Demis­sion sagte: »Wir haben lange genug seine Psyche akzep­tiert.« Der Ein­zel­gänger lehnte eine Ein­mi­schung vom fuß­ball­fremden Auf­sichtsrat strikt ab. Die Bosse reagierten all­er­gisch auf die Zurück­wei­sung und klagten per Dienst­an­wei­sung ein, über die Amts­ge­schäfte des sport­li­chen Abtei­lungs­lei­ters infor­miert zu werden, was der wie­derum als Affront ver­stand und mit hin­ter­sin­nigem Sar­kasmus quit­tierte. Das Ver­hältnis war nicht mehr zu kitten.

Ende November sitzt Jörg Schmadtke im Star­bucks am Düs­sel­dorfer Hafen. Er fährt jetzt viel Fahrrad, obwohl er erst letzte Woche seinen neuen Dienst­wagen aus Aachen abge­holt hat. Seine Ver­bin­dungen in den Klub sind nach wie vor auto­bahn­breit. Natür­lich drückt er seiner Truppe für den Auf­stieg wei­terhin beide Daumen – schließ­lich ist in seinem Ver­trag eine Auf­stiegs­prämie fest­ge­schrieben.

»Es muss einer sein, der das Feuer in den Augen hat«

In Aachen haben sie in Ermang­lung eines Nach­fol­gers eine Mana­ger­fin­dungs­kom­mis­sion ein­ge­setzt, bestehend aus dem Idol Eric Meijer, Eric van der Luer, dem Trainer der U23-Ale­mannen, und Scout Her­mann Grümmer. Der Nie­der­länder van der Luer hätte den Mana­ger­posten gerne über­nommen. In einem internen Gespräch der Task-Force soll er seine Bewer­bung auch vor­ge­bracht haben. Er wurde gebeten, den Raum zu ver­lassen, Auf­sichtsrat und sport­liche Inte­rims­lei­tung berieten den Fall – und ent­schieden gegen ihn. »Er macht als Ober­li­ga­trainer her­vor­ra­gende Talent-Arbeit, die in unserer Situa­tion auch sehr wichtig ist«, begründet Fri­thjof Kraemer die Ent­schei­dung. Internen Quellen im Klub ist jedoch zu ent­nehmen, dass van der Luer auch nicht als Manager ver­brannt werden soll, weil er irgend­wann den nicht ganz unum­strit­tenen Trainer Jürgen See­berger beerben könnte. Eric Meijer hat nach einem Sab­bat­jahr keine Lust auf einen Voll­zeitjob als Manager.

Man son­diert also Bewer­bungen. Diesmal kommt die Füh­rung ohne ein Stel­len­ge­such aus. Angeb­lich liegen die Bewer­bungs­mappen von 18 seriösen Anwär­tern auf den Posten vor. Sieben Sport­di­rek­toren sind in der engeren Aus­wahl: Als aus­sichts­reichster Kan­didat – weil der­zeit ohne Beschäf­ti­gung im Fuß­ball – gilt Andreas Born­emann, Ex-Manager des SC Frei­burg. Außerdem mit auf der Liste: Rolf Dohmen (KSC-Manager), Markus van Ahlen (B‑Ju­gend-Trainer des HSV), Stefan Beutel (Manager von Rot-Weiß Erfurt), Thomas Strunz (Sport­di­rektor bei Rot-Weiss Essen), Martin Braun (Geschäfts­führer von VfR Ahlen) und Oliver Kreuzer (Manager von Sturm Graz). Die Ent­schei­dung über Schmadtkes Nach­folge soll even­tuell noch vor Weih­nachten fallen. Wer letzt­lich den Zuschlag erhält, wird aber auch vom Geld abhängen. Der Düs­sel­dorfer bezieht jetzt – nach der Beur­lau­bung – volles Gehalt bis zum Ende der Saison. Auf die Frage nach den von den Medien kol­por­tierten 290 000 Euro, die noch aus­stehen sollen, kann er sich ein Lächeln nicht ver­kneifen.

»Schauen Sie sich Energie Cottbus an, wie zäh die sich mit beschränkten Mög­lich­keiten in der Bun­des­liga behaupten. Das ist ein Modell, was ich mir für Ale­mannia auch vor­stellen kann.«

»Es muss einer sein, der das Feuer in den Augen hat«, lie­fert Eric Meijer eine Stel­len­de­fi­ni­tion. Sprich: Einer, der nicht wegen des Geldes, son­dern wegen der aus­ste­henden Meriten zu den Kar­tof­fel­kä­fern kommt. Denn die Gold­grä­ber­stim­mung der frühen Schmadtke-Ära ist vorbei. Jetzt müssen hohe Erwar­tungen erfüllt werden. Ein Verein, der in seiner 108-jäh­rigen Geschichte zweimal in die Bun­des­liga auf­ge­stiegen ist und dessen größter Erfolg die Teil­nahme an der Grup­pen­phase im UEFA-Cup und eine Vize­meis­ter­schaft vor fast 40 Jahren war, leistet sich der­zeit ein neues Sta­dion für 50 Mil­lionen Euro. Diese Auf­wer­tung der Infra­struktur – noch dazu mit dem über die Tickets finan­zierten Luxus, den Sta­di­on­namen nicht zu ver­kaufen – muss mit der sport­li­chen Ent­wick­lung Schritt halten.

»Wir wollen als Klub, der gegen­wärtig zu den 25 besten Fuß­ball­ver­einen in Deutsch­land gehört, in den kom­menden fünf Jahren zu den besten 15 Pro­fi­klubs auf­schließen«, gibt Fri­thjof Kraemer die Marsch­rich­tung vor. Mit­tel­fristig ist die Bun­des­liga also Pflicht für den Verein, der seinen aktu­ellen Zuschau­er­schnitt von 19 550 in der neuen Spiel­stätte auf 30 000 ver­bes­sern will. In einer Zweiten Liga, in der gerade jeder jeden schlagen kann, lässt sich das sport­liche Ziel womög­lich schon bald errei­chen. Doch für spek­ta­ku­läre Trans­fers fehlt ebenso das Geld wie für einen Top-Mann auf dem Manager-Sessel. Die Frage ist also, ob ein Auf­stieg nach­hal­tiger ist als beim jüngsten Erst­li­ga­aben­teuer. Eric Meijer sagt: »Schauen Sie sich Energie Cottbus an, wie zäh die sich mit beschränkten Mög­lich­keiten in der Bun­des­liga behaupten. Das ist ein Modell, was ich mir für Ale­mannia auch vor­stellen kann.« Und wie gefällt dem Auf­sichtsrat ein Ver­gleich mit der grauen Maus Energie Cottbus, Herr Meijer? »Den mögen die natür­lich nicht so gern.«

»Für Jörgs Nach­folger wird es schwer. Denn was Uli Hoeneß für die Bayern, war Schmadtke für Ale­mannia.«

Schmadtke zündet noch eine Ziga­rette an. Er muss dann auch – zurück zu den Reno­vie­rungs­ar­beiten zu Hause. Fühlt sich gut an, nach sieben Jahren als Manager mal ganz ohne Stress. Er kann nicht ver­stehen, dass Funk­tio­näre so ver­sessen darauf sind, neben Becken­bauer und Allofs in den VIP-Logen zu sitzen, anstatt in der Zweiten Liga sach­lich und gezielt Struk­turen zu ent­werfen, die für lang­fris­tigen Erfolg sorgen. Natür­lich weiß er, dass er einen Hang zum Diven­haften besitzt. »Ich hätte mehr in das Mar­ke­ting meiner Person inves­tieren können. Und sicher hätte ich ver­su­chen müssen, die Ehren­amtler bei allem noch etwas mehr mit­zu­nehmen.«

Ganz ohne pro­vo­kante Ironie geht es den­noch nicht, wenn er in der Aachener Zei­tung ergänzt: »Aber es ist manchmal schwierig jemanden mit­zu­nehmen, der den Unter­schied zwi­schen DFB und DFL nicht kennt.« So ist er halt – er, der als erster Keeper mit unför­migen Pump­hosen auf­lief und dem kein Trikot zu grell war. Der Rosen­krieg, der sich nach seiner Beur­lau­bung andeu­tete, ist aus­ge­blieben. In der wirt­schaft­lich ange­spannten Situa­tion des Klubs ist es auch wichtig, dass Kräfte nicht ver­geudet, son­dern gebün­delt werden. Für die Fans ist die Per­so­nalie Schmadtke ohnehin Schnee von ges­tern. Doch Eric Meijer ist sicher: »Für Jörgs Nach­folger wird es schwer. Denn was Uli Hoeneß für die Bayern, war Schmadtke für Ale­mannia.«

Dabei könnten sie hier gerade jetzt einen Macher wie ihn gut gebrau­chen. Und mit etwas Bemühen auf beiden Seiten, hätte die Bezie­hung durchaus Bestand haben können. Aber so ist es nun mal im Fuß­ball – Emo­tionen über­la­gern wie so oft ver­nunft­ge­lei­tetes Han­deln. Jetzt geht es um Scha­dens­be­gren­zung. Damit Ale­mannia Aachen mehr wird, als das, was Jörg Schmadtke stets über den Klub sagte: »Ein Andert­halb-Ligist.«