Herr Thiam, Sie beenden zum Sai­son­ende Ihre Kar­riere und steigen in das Manage­ment beim VfL Wolfs­burg ein. Bedauern Sie das Ende Ihrer aktiven fuß­bal­le­ri­schen Lauf­bahn?

Nein, irgend­wann muss man ja auf­hören. Ent­schei­dend ist der Zeit­punkt. Für mich hat sich, was die Zukunft anbe­trifft, ein­fach eine neue Per­spek­tive auf­getan. Natür­lich denke ich ab und an, dass ich gerne noch weiter spielen würde. Aber diese Per­spek­tive für die Zukunft ist so wichtig für mich, dass ich nicht dar­über nach­denken muss, ob es die rich­tige Ent­schei­dung ist.


Was werden Sie ver­missen?

Ver­missen werde ich das zumeist unbe­schwerte Leben, das man als Fuß­ball­profi führt. Man kommt zum Trai­ning, hat Spaß mit den Jungs, trai­niert gut und bereitet sich auf das nächste Spiel vor. Diese Zeit lernt man dann erst schätzen, wenn sie vorbei ist.

Als Profi-Fuß­baller steht man doch ständig unter Druck. Ist das nicht eine Last, die jetzt von Ihnen abfällt?

Nein. Es sind der Spaß und die Freude am Spiel, die mich dazu getrieben haben, mit dem Fuß­ball anzu­fangen. Natür­lich gibt es auch Druck, aber der ist wäh­rend des Spiels weg, wenn man gewonnen hat sowieso. Im Rück­blick denkt man eigent­lich nur an die Spiele, nicht an den Druck, den man wäh­rend seiner Lauf­bahn hatte.

Sie werden als Assis­tent von Felix Magath arbeiten. Was genau ist Ihre Auf­gabe?

Ich werde Felix Magath in seiner Tätig­keit als Sport­di­rektor unter­stützen und ver­su­chen, ein Bin­de­glied zwi­schen ihm als Trainer und der Mann­schaft zu sein. Felix Magath hat drei Ämter und kann nicht immer an drei Orten gleich­zeitig sein, so dass ich ihn bei ver­schie­denen Ter­minen ver­treten werde. Dar­über hinaus küm­mere ich mich auch um die U23 des VfL Wolfs­burg, wo ich als eine Art Sport­di­rektor fun­gieren werde. Das bedeutet: ich ver­suche zusammen mit den ver­ant­wort­li­chen Trai­nern Petar Houbt­chev (Trainer der U23, Anm. d. Red.) und Felix Magath, eine Mann­schaft für nächstes Jahr zusammen zu stellen.

Werden Sie sich auf Ihre Auf­gabe spe­ziell vor­be­reiten?

Ich habe bereits den einen oder anderen Termin wahr­ge­nommen. Um die U23 küm­mere ich mich jetzt auch schon zum Teil. Ich werde also nicht kom­plett unvor­be­reitet in diese Tätig­keit hin­ein­gehen, aber es wird natür­lich schon eine große Umstel­lung sein.

Zunächst bleiben Sie dem Fuß­ball­ge­schäft also erhalten. Könnten Sie sich auch eine Tätig­keit in einem völlig anderen Bereich vor­stellen?

Momentan kann ich mir nicht vor­stellen, etwas außer­halb des Fuß­balls zu machen. Ich bin seit 17 Jahren, seit meinem Abitur, Profi-Fuß­baller. Meine ganze Lebens­er­fah­rung habe ich im Fuß­ball gesam­melt. Des­wegen bin ich relativ sicher auf diesem Ter­rain, obwohl ich noch viel lernen muss. Wenn ich vor hätte, was anderes zu machen, müsste ich wieder bei Null anfangen. Des­wegen ist es doch das Sinn­vollste, im Fuß­ball zu bleiben.

Könnten Sie sich vor­stellen, als Trainer zu arbeiten?

Leute, die mich sehr gut kennen, sagen, dass es mir nicht liegen würde, als Trainer zu arbeiten. Das, was ich jetzt machen werde, sei genau das Rich­tige für mich. Diesen Leuten würde ich mal Recht geben.

Wieso sind Sie für den Trai­nerjob nicht geeignet?

Viel­leicht liegt es an der Moti­va­tion. Wenn man als Spieler ständig unter­wegs war, freut man sich auf ein anderes Leben nach der Kar­riere. Als Trainer hätte ich da genau den glei­chen Rhythmus wie als Spieler, und das wollte ich doch ver­meiden. Wenn man trotzdem im Verein und im Fuß­ball weiter arbeiten kann, ist das umso schöner.

In der lau­fenden Saison haben Sie bisher nur zehn Spiele gemacht, in der letzten Saison sogar nur sechs. Hätten Sie sich die letzten Jahre ihrer Kar­riere nicht ein wenig anders vor­ge­stellt?

Die Ver­gan­gen­heit braucht man nicht mehr zu kom­men­tieren. Als Felix Magath kam, hatte ich wieder die Gele­gen­heit, zu spielen. Aber schon damals habe ich mir Gedanken über meine Zukunft gemacht. Dann hat sich diese Per­spek­tive ergeben. Mir hat man jetzt schon die Gele­gen­heit gegeben, mich auf meiner neuen Posi­tion ein­zu­ar­beiten. Aber trotzdem hoffe ich, noch ein, zwei Mal auf dem Platz zu stehen, um mich dort auch zu ver­ab­schieden. Aber wenn das nicht der Fall ist, bin ich auch nicht böse. Wir haben eine Mann­schaft, die gut spielt, die erfolg­reich spielt, die ich im Trai­ning und Drum­herum unter­stützen kann, und das ist mir auch sehr viel wert.

Sie sind Anfang 2006 vom Afrika-Cup zurück­ge­kommen und von Trainer Klaus Augen­thaler plötz­lich aus der Stammelf genommen worden. Hat er diese Maß­nahme begründet?

Es gab keine Begrün­dung und aus meiner Sicht auch keinen Grund.
Aber so ist das Geschäft, ich bin da auch nicht böse oder ver­bit­tert. Die Sachen laufen nicht immer so, wie man sich das aus­malt. Aber ich bin dran­ge­blieben, habe mich durch­ge­kämpft und wurde dann am Ende auch belohnt. Das ist das Ent­schei­dende.

Als Sie dann wieder spielen durften, sind Sie wäh­rend des Auf­wär­mens vor dem Spiel gegen Bayern Mün­chen als Kapitän ent­machtet worden Kevin Hof­land über­nahm das Amt. Wie haben Sie das Ganze erlebt?

Das war für mich unver­ständ­lich – keine Frage. Aber auch das gehört der Ver­gan­gen­heit an.

Haben Sie danach nie über­legt, den Verein zu ver­lassen?

Nein. Als ich damals meinen Ver­trag ver­län­gert habe, bevor Klaus Augen­thaler nach Wolfs­burg kam, habe ich mich sehr intensiv mit der Situa­tion aus­ein­an­der­ge­setzt und mich letzt­lich für den Verein ent­schieden. Das heißt, ich habe auch pri­vate Ent­schei­dungen getroffen, die darauf basierten, dass ich in Wolfs­burg spiele. Zudem habe ich gesehen, wel­ches Poten­zial und welche Mög­lich­keiten es in Wolfs­burg gibt. Des­wegen bin ich geblieben, und letzt­end­lich bin ich auch sehr zufrieden mit dieser Ent­schei­dung.

Wo wird denn der Weg des VfL Wolfs­burg in den nächsten Jahren hin­führen. In die Cham­pions League?

So weit will ich gar nicht gehen, weil da so viele kleine Dinge ent­schei­dend sind. Zumin­dest wird der VfL Wolfs­burg, wenn er sich weiter so ent­wi­ckelt, nichts mit den unteren Tabel­len­rängen zu tun haben. Wie weit wir dann nach vorne kommen, wird sich noch zeigen. Pri­märes Ziel ist es, attrak­tiven Fuß­ball zu spielen und sich irgend­wann im oberen Tabel­len­drittel zu eta­blieren.

Sie haben in Köln, Stutt­gart, bei Bayern Mün­chen und in Wolfs­burg gespielt. Wo war es am schönsten?

Höhe­punkte gab es überall, aber sie sind nicht mit­ein­ander zu ver­glei­chen. In Köln habe ich in der Jugend gespielt, also war es ein Traum, im Mün­gers­dorfer Sta­dion auf­zu­laufen. In Stutt­gart war ich zunächst Ergän­zungs­spieler, habe mich dann zum Stamm- und Füh­rungs­spieler ent­wi­ckelt. Bayern Mün­chen war ein Höhe­punkt, weil man als Bun­des­li­ga­spieler nicht zwangs­läufig die Mög­lich­keit bekommt, zu einem solch großen Verein zu wech­seln. Am Anfang lief es auch noch ganz gut, bis ich mich ver­letzt habe. Ich konnte in Mün­chen für mich per­sön­lich ganz viel mit­nehmen, habe viele Freunde gewonnen und gesehen, wie ein Verein pro­fes­sio­nell geführt wird. Dass ich dann nach Wolfs­burg gewech­selt bin, lag daran, dass ich ein­fach gut drauf war und unbe­dingt spielen wollte. Im Nach­hinein war es also die rich­tige Ent­schei­dung. Und mit über 300 Bun­des­li­ga­spielen kann ich jeden­falls behaupten, dass ich keine Ein­tags­fliege in der Bun­des­liga war

Worin unter­scheidet sich Bayern Mün­chen von anderen Ver­einen in der Bun­des­liga?

Wenn man zu Bayern Mün­chen kommt, muss man lernen, dass es für jeden Gegner in der Bun­des­liga immer das Spiel des Jahres ist. Die geg­ne­ri­schen Mann­schaften sind immer hoch moti­viert. Da braucht man schon eine ganz beson­dere Ein­stel­lung, um zu bestehen. Das lernt man nur bei den Bayern, und das ist es auch, was die Fas­zi­na­tion aus­macht, ins­be­son­dere wenn man in der Fremde spielt.

Wer war denn Ihr unan­ge­nehmster Gegen­spieler?

Unan­ge­nehm waren viele. Aber meis­tens hatte ich nur einmal Pro­bleme, beim zweiten Mal war ich dann besser ein­ge­stellt (lacht). Aber im Ernst, ich kann mich an Spiele gegen Kras­simir Balakov oder Rudi Völler erin­nern, da habe ich als junger Spieler in Mann­de­ckung gespielt. Und obwohl mir der Trainer nach dem Spiel eine gute Leis­tung attes­tiert hat, hat z. B. Rudi Völler zwei Tore vor­be­reitet, ohne dass ich es hätte ver­hin­dern können. Das hat mir dann schon gezeigt, in wel­chen Sphären sich solche Kaliber bewegen.

Und wer war Ihr stärkster Mit­spieler?

Hm… (über­legt eine Weile). Dazu gehört mit Sicher­heit einer wie Kras­simir Balakov, der in Stutt­gart immer uner­müd­lich vorne weg mar­schierte und auch im Alter noch topfit war. In Mün­chen habe ich dann mit etli­chen guten Spie­lern zusammen gespielt, die alle beson­dere Fähig­keiten hatten. Bei Mehmet Scholl hat es immer schon Spaß gemacht, über­haupt zuzu­schauen. Auch Ze Roberto hat eine unglaub­liche Technik.

Ihr Debüt in der höchsten deut­schen Spiel­klasse liegt schon einige Jahre zurück. Hat sich das Spiel seitdem ver­än­dert?

Mit Sicher­heit hat sich das Spiel ver­än­dert. Damals wurde noch oft mit Mann­de­cker und Libero gespielt. Die Spiel­weise und die Spiel­sys­teme haben sich ver­än­dert. Man ist zu Vie­rer­kette, Raum­de­ckung und Pres­sing über­ge­gangen. Das Spiel wurde mit den Jahren viel ath­le­ti­scher, viel robuster. Das ist aber auch eine ganz nor­male Ent­wick­lung, weil die Trainer immer grö­ßeren Wert auf die Fit­ness der Spieler legen.

Sie sind mit fünf Jahren nach Deutsch­land gekommen, haben die deut­sche Staats­bür­ger­schaft. War die deut­sche Natio­nal­mann­schaft nie ein Thema für Sie?

Ich habe mich sehr früh für Guinea ent­schieden (29 A‑Länderspiele für Guinea, Anm. d. Red.). Das war auch ein wenig der Tra­di­tion meiner Familie geschuldet, da mein Vater selber für Guinea gespielt hat. Mit 17 Jahren war ich schon das erste Mal im Kreis der Natio­nal­mann­schaft dabei und hab dann auch bald meine ersten Spiele gemacht, so dass ich an die deut­sche Natio­nal­mann­schaft nie einen Gedanken ver­schwendet habe. Dazu muss man auch sagen, dass ich meine deut­sche Staats­bür­ger­schaft erst sehr spät mit Mitte Zwanzig erlangt habe.

Haben Sie dem­nächst mehr Frei­zeit oder sind Sie genauso ein­ge­spannt wie als Profi?

Das weiß ich selber noch nicht so genau. Die Zeit­auf­tei­lung wird natür­lich anders sein. Ich möchte nah an der Mann­schaft sein, werde aber auch Zeit im Büro ver­bringen. Wie es genau läuft – da lass ich mich ein­fach mal über­ra­schen.

Gibt es etwas, was Sie immer schon machen wollten, aber bisher wegen ihrer Spie­ler­kar­riere nicht tun konnten?

Ich war noch nie in Ame­rika. Das ist ein großer Traum von mir. Ansonsten freue ich mich, das erste Mal in meinem Leben Urlaub zu machen, ohne mor­gens Fit­ness­pro­gramme absol­vieren zu müssen.

Würden Sie Ihren Sohn unter­stützen, wenn er Fuß­ball-Profi werden will?

Mein älterer Sohn wird kein Profi, dafür hat er keine Anlagen. Mein Jüngster ist gerade zwei Jahre alt, spielt gerne Fuß­ball und macht das auch ganz gut. Wenn er zu mir kommt und sagt, ich will Profi werden, werde ich ihn natür­lich unter­stützen. Wichtig ist aber, dass es ohne Zwang abläuft.