Vor einiger Zeit sind die deut­schen Fans gefragt worden, welche Tore ihnen, im Guten wie im Schlechten, beson­ders in Erin­ne­rung geblieben sind. Es sind drei: das 3:2 von Helmut Rahn im WM-Finale von 1954, das Wem­bley-Tor 1966 und das Spar­wasser-Tor, mein Treffer zum 1:0 für die DDR im ein­zigen deutsch-deut­schen Duell der Fuß­ball­ge­schichte. Ich habe einmal gesagt: ​Wenn auf meinem Grab­stein später nur ›Ham­burg 1974‹ stehen würde, wüsste jeder, wer dar­unter liegt.“ Mein Nach­satz wird leider immer weg­ge­lassen: ​Hof­fent­lich wartet der da oben noch ein Weil­chen.“

Kein anderer Treffer wird so stark mit meinem Namen ver­bunden wie dieses Tor bei der WM 1974. Das wich­tigste Tor meiner Kar­riere ist es trotzdem nicht. Das habe ich kurz zuvor erzielt, im Halb­fi­nale des Euro­pa­cups zum 2:1 für den 1. FC Mag­de­burg gegen Sporting Lis­sabon. Ohne diesen Treffer wären wir nicht ins End­spiel gekommen, hätten wir also auch nicht den Euro­pa­pokal gewonnen – als ein­zige Mann­schaft über­haupt aus der DDR.

Paul Breitner wollte mein Trikot

Im Ver­gleich dazu hatte mein Tor gegen die BRD keinen beson­deren Wert. Unsere Grup­pen­gegner Chile und Aus­tra­lien hatten schon am Nach­mittag gespielt; nach deren 0:0 stand fest, dass sowohl wir als auch die West­deut­schen für die nächste Runde qua­li­fi­ziert waren. Ich hatte das Gefühl, dass beide Mann­schaften des­halb relativ relaxed in diese Begeg­nung gegangen sind. Für uns Spieler war das ohnehin kein Kampf der Sys­teme. Wenn Berti Vogts heute erzählt, dass wir nach dem Spiel keine Tri­kots hätten tau­schen wollen oder dürfen, dann ist das ein­fach Quatsch. Er selbst war es doch, der den Wäsche­wagen mit den DFB-Tri­kots in unsere Kabine gerollt hat und unseren dafür mit­ge­nommen hat. Paul Breitner hat nach dem Abpfiff extra im Gang auf mich gewartet, um mit mir das Trikot zu tau­schen.

Natür­lich war das kein nor­males Spiel. Dass nach­ein­ander beide deut­schen Natio­nal­hymnen gespielt wurden, wann hat es das sonst gegeben? Da hat es auch auf meinem Rücken gekrib­belt. Schon die Aus­lo­sung – die BRD und die DDR zusammen in einer Gruppe – war in Ost und West mit großem Hurra auf­ge­nommen worden. In der Bun­des­re­pu­blik haben sie wohl gedacht: Jetzt hauen wir denen mal die Hucke voll, wenn wir mit unseren Profis antreten und nicht – wie 1972 bei den Olym­pi­schen Spielen in Mün­chen – nur mit der Ama­teur-Natio­nal­mann­schaft. Dazu passte auch die Schlag­zeile der ​Bild“-Zeitung am Tag des Spiels: ​Warum wir heute gewinnen.“ Da wurden dann die ein­zelnen Spieler mit­ein­ander ver­gli­chen. Es war schon inter­es­sant, dass mein Gegen­spieler Kat­sche Schwar­zen­beck als Tech­niker beschrieben wurde und ich als Höl­zerner.

Wir waren natür­lich der Außen­seiter, aber wir wussten auch, dass wir in jedem Fall mit­halten können. Die West­deut­schen hatten bis dahin alles andere als über­ra­gend gespielt. Bei ihrem ersten Auf­tritt im Volks­park­sta­dion waren sie trotz ihres 3:0‑Siegs gegen Aus­tra­lien sogar vom Ham­burger Publikum aus­ge­pfiffen und beschimpft worden. Darauf haben wir ein biss­chen gebaut. Wir haben das Spiel in der ersten Halb­zeit kon­trol­liert, und an der Reak­tion der Zuschauer zur Pause konnte man merken, dass sie mehr von ihrer Mann­schaft erwartet hatten. Hansi Krei­sche hatte schon in der ersten Hälfte die große Chance zum 1:0. Hätte er getroffen, würde heute nie­mand vom Spar­wasser-Tor spre­chen.

Eigent­lich bescheuert, über­haupt los­zu­laufen

So aber kam es, wie es gekommen ist: Die 78. Minute, ein Abwurf von Jürgen Croy auf die rechte Seite, Erich Hamann läuft mit dem Ball über die Mit­tel­linie und schlägt dann diesen wun­der­baren Dia­go­nal­pass über 40 Meter auf die linke Seite. Wenn man sich die Szene heute anschaut, muss man sagen: Eigent­lich bin ich bescheuert gewesen, über­haupt los­zu­laufen. Da war­teten vier Leute auf mich: Berti Vogts, Horst-Dieter Höttges, Bernd Cull­mann und dazu noch Sepp Maier im Tor. Es ist wahr­schein­lich eine Frage des Instinkts, es trotzdem zu tun.

Glück gehört natür­lich auch dazu. An und für sich wollte ich den Ball mit der Brust mit­nehmen, aber ich habe ihn genau auf die Nase gekriegt. Dass der Ball eine andere Bewe­gung nach vorne macht, ver­schafft mir den ent­schei­denden Vor­teil vor Höttges. Was danach kommt, ist aber weder Glück noch Zufall gewesen. Das soll jetzt nicht über­heb­lich klingen, aber die Klasse eines Spie­lers wie Arjen Robben erkennt man daran, dass er in jeder Situa­tion genau weiß, was er will. Das war bei meinem Tor auch so. Wenn ich von der Fünf­me­ter­linie ein­fach drauf­plautze, schieße ich wahr­schein­lich Sepp Maier an. Also muss ich das Ding ver­zö­gern. Des­halb grätscht Höttges ins Leere, und Maier krab­belt wie ein Mai­käfer über den Boden, so dass er bei meinem Schuss nicht mehr nach oben reagieren kann. ​Eine meis­ter­liche Aktion“, hat Heinz-Flo­rian Oertel damals im DDR-Fern­sehen gesagt.

Was ich danach gemacht habe, kann ich mir bis heute nicht erklären: Ich habe einen Pur­zel­baum geschlagen. So etwas habe ich nie zuvor und nie danach in meiner Lauf­bahn getan. Warum aus­ge­rechnet in diesem Moment – ich weiß es nicht. Dass es ein his­to­ri­sches Tor war, daran denkt man in einem sol­chen Augen­blick nicht. Viel­leicht war es ein­fach die Freude dar­über, dass der Treffer so gut gelungen war. Ein Angriff über drei Sta­tionen, besser kann man einen Konter nicht spielen.

Es wurden Gerüchte über Extra­prä­mien gestreut

Im Nach­hinein hat sich die Freude arg rela­ti­viert. Vor der WM hatte ich nie Pro­bleme, wenn ich mit Mag­de­burg in Leipzig, Dresden, oder Aue gespielt habe. Danach ist mir dort viel Miss­gunst ent­ge­gen­ge­schlagen, vor allem von den Leuten, die im stillen Käm­mer­lein das Deutsch­land­lied gesungen haben und uns den Sieg gegen die BRD ver­übelt haben. Es wurden sogar Gerüchte gestreut, ich hätte als Prämie für das Tor ein Haus und ein Auto bekommen – was ein­fach nicht stimmte.

Die erste Strafe gab es schon am Abend nach dem Spiel. Wir wollten zu dritt auf die Ree­per­bahn, um den Sieg zu feiern. Unser Quar­tier in Quick­born wurde damals vom Bun­des­grenz­schutz bewacht, also haben wir einen der Beamten gefragt, ob er uns nicht nach St. Pauli fahren könne. ​Klar“, hat er gesagt, ​aber du bleibst hier.“ Wieso denn, wollte ich wissen. ​Stell dir vor, dich sieht jemand auf der Ree­per­bahn. Dann bin ich sofort meinen Job los.“ Die beiden anderen sind dann gefahren, ich musste zu Hause bleiben.