Sebas­tian Kehl, wo schauen Sie die Euro­pa­meis­ter­schaft?
In Spa­nien. Ich bin noch im Urlaub.

Und, wie gefiel Ihnen das Vier­tel­fi­nale Ita­lien gegen Eng­land?
Die bes­sere Mann­schaft hat gewonnen, ganz ein­deutig. Nach gut einer Stunde sind die Eng­länder ja immer müder geworden, die Ita­liener waren nicht nur kon­di­tio­nell wesent­lich besser drauf. Gut für Ita­lien, schlecht für uns.
 
Wieso?
Ich hätte mir die Eng­länder als Halb­final-Gegner gewünscht, die wären leichter zu schlagen gewesen. Mit Ita­lien wartet ein richtig schwerer Bro­cken, aber wenn man Euro­pa­meister werden will, muss man sie schlagen.
 
Sie kennen sich aus mit Halb­final-Spielen gegen Ita­lien. Bei der WM 2006 standen Sie gegen die Ita­liener in der Startelf, weil Torsten Frings nach dem Vier­tel­fi­nale gegen Argen­ti­nien gesperrt wurde. Welche Erin­ne­rungen haben Sie an dieses Spiel?
Keine wirk­lich guten. Ich erin­nere mich an ein gutes Spiel von uns mit zum Teil richtig guten Chancen von bei­spiels­weise Bernd Schneider oder Lukas Podolski, aber vor allem an den Moment, als Fabio Grosso das 1:0 erzielt. Da war plötz­lich nichts, nur Leere und Stille. Und die Gewiss­heit, dass unser Ziel und der große Traum soeben zer­platzt war.
 
Den ent­schei­denden Pass auf Grosso gab damals Andrea Pirlo.
Pirlo war schon damals ein groß­ar­tiger Spieler. So ele­gant und vor allem: so lässig. Pirlo hat eine unglaub­liche Aus­strah­lung und eine Ruhe am Ball, die schon beein­dru­ckend ist. Wie erfahren und cool er ist, hat er nicht nur mit seinem Elf­meter gegen Eng­land bewiesen.
 
Dreht man als Mit­spieler nicht völlig durch, wenn einer in so einem ent­schei­denden Moment den Ball aufs Tor lupft?
Dass er diesen Elf­meter so ver­wan­delt hat, war abso­luter Wahn­sinn. Die Chance, sich richtig zu bla­mieren, und alles zu ver­lieren, ist rie­sen­groß. Aber letzt­lich hat diese Aktion das Elf­me­ter­schießen ent­schieden. Pirlo hat alles richtig gemacht.
 

Ist er der beste Ita­liener bei dieser Euro­pa­meis­ter­schaft?
Schwer zu sagen. De Rossi, Mario Balotelli oder Antonio Cassano haben mir bis­lang auch sehr gut gefallen. Ita­lien hat eine tolle Mann­schaft mit starken Ein­zel­spie­lern, vor allem lebt diese Aus­wahl aber von der Taktik und ihrer Geschlos­sen­heit. Die ganzen Kon­flikte im Vor­feld der EM (wegen des Ver­dachts auf Wett­be­trug führte die ita­lie­ni­sche Polizei eine Razzia im Mann­schafts­hotel durch, Dome­nico Cri­s­cito wurde dar­aufhin aus dem Kader geworfen, d. Red.) haben sie zusam­men­ge­schweißt. Das gewon­nene Elf­me­ter­schießen wird dieses Gefühl nun noch ver­stärken.
 
Sind die Ita­liener stark genug, Deutsch­land aus dem Tur­nier zu schmeißen?
Jeder der vier Halb­fi­nal­teil­nehmer ist in der Lage, Euro­pa­meister zu werden. Ich denke aller­dings, dass unsere Mann­schaft die Qua­lität hat, auch gegen Ita­lien zu bestehen.
 
Wie hat Ihnen die DFB-Aus­wahl bis­lang gefallen?
Die ersten Spiele waren noch recht zer­fahren, aber gegen Grie­chen­land stand eine Mann­schaft auf dem Platz, die ganz genau wusste, was sie tat. Sie wird von Spiel zu Spiel besser. Es ist so wie mit der gesamten Euro­pa­meis­ter­schaft: Zu Beginn des Tur­niers hat man viele relativ unin­ter­es­sante und teil­weise schlechte Spiele gesehen. Jetzt sind in Spa­nien, Por­tugal, Ita­lien und Deutsch­land die vier besten Mann­schaften im Halb­fi­nale. Ich erwarte große Spiele.
 
Ärgert es Sie, dass Ihre Team­kol­legen aus Dort­mund so selten zum Ein­satz kommen?
Joa­chim Löw ist für die Auf­stel­lung ver­ant­wort­lich, er wird schon wissen, was er da tut und hat bis dato auch ein glück­li­ches Händ­chen bewiesen. Grund­sätz­lich bin ich fest davon über­zeugt, dass unsere Jungs vom BVB gerade in den ent­schei­denden Spielen eine ganz wich­tige Rolle spielen können – wenn man sie spielen lässt. Das beweist ja Mats Hum­mels, der spielt bis­lang eine sen­sa­tio­nelle EM.
 
Was erwarten Sie sich vom Halb­fi­nale gegen Ita­lien?
Aus der deut­schen Mann­schaft von 2006 sind in Per Mer­te­sa­cker, Philipp Lahm, Miroslav Klose, Bas­tian Schwein­steiger und Lukas Podolski immerhin noch fünf Spieler im aktu­ellen Kader ver­treten. Die haben noch eine Rech­nung mit Ita­lien offen. Deutsch­land hat die bes­sere Mann­schaft und wird gewinnen.
 
Und wer wird Euro­pa­meister?
Es sollte mich schon wun­dern, wenn sich im Finale nicht Deutsch­land und Spa­nien gegen­über­stehen. 2008 und 2010 hatte die Spa­nier das bes­sere Ende. Diesmal sind wir dran.