Ihn also wollte er auswechseln. Ihn, den Übertechniker, der seine Füße schneller über den Ball steigen lassen kann, als jeder seiner Mitspieler. Dessen technische Finessen einen handelsüblichen Zweitligaverteidiger in die Klapsmühle bringen kann. Ihn, der die Urheberrechte auf den „Trivela“ besitzt, eine waghalsige Außenristschusstechnik. Ihn also wollte er auswechseln. Ricardo Quaresma, 28, einen Mann, der im Laufe seiner Karriere die Spitznamen „Mustang“ und „Harry Potter“ erhielt. Letzteren wegen seiner fußballerischen Expertise. Ersteren wegen seiner Unbeherrschtheit.
„Wie kannst du mich aus dem Spiel nehmen? Du bist ein Nichts!“
Es war Halbzeit im Europapokalspiel zwischen Atletico Madrid und Besiktas Istanbul, und an diesem 8. März 2012 würden die Türken nichts mehr reißen können, das hatte auch Trainer Carlos Carvalhal eingesehen. Besiktas lag 0:3 zurück. Um den vollkommenen Exodus abzuwenden, brauchte der Trainer Typen mit Einsatzfreude und Kampfgeist. Keinen Ricardo Quaresma. Also verkündete Carvalhal seine Entscheidung – und traute einige Augenblicke später seinen Ohren nicht. „Wie kannst du mich aus dem Spiel nehmen?“, lederte Quaresma los. „Ich habe dich hier hin gebracht! Für wen hältst du dich? Wäre ich nicht hier, wärst du auch nicht hier. Du kannst mich gar nicht aus dem Spiel nehmen, du bist ein Nichts!“ Ende des Diktats.
Es sind Aktionen dieser Art, die den Weg von Ricardo Quaresma begleiten, seitdem er sich aufgemacht hat, Europa zu erobern. Natürlich blieb der Ausraster des Flügelflitzers nicht ohne Folgen, selbstverständlich beharrte Carvalhal auf seiner Auswechslung. Als Zugabe gab es die Suspendierung obendrauf. Erst als sich Quaresma in den folgenden Tagen mehrfach entschuldigte, kam es zur Versöhnung. Quaresma kehrte zurück und durfte wieder für Besiktas Istanbul spielen.
Immerhin Besiktas. Immerhin Spitzenfußball in der Türkei. Eine Trostveranstaltung für Quaresma. Mehr nicht. Barcelona, Inter, Chelsea – die großen Stationen hat er bereits hinter sich. Durchsetzen konnte er sich nirgends.
Ein Azubi muckt auf
Als Cristiano Ronaldo 2003 zu Manchester United ging, wechselte Quaresma zeitgleich zum FC Barcelona. Die Voraussetzungen waren für beide Spieler ähnlich. Sie stammten aus der Schule von Sporting Lissabon, fußballerisch trennte das vom Talent geküsste Duo allenfalls Nuancen. Quaresma hatte im Vergleich zu Ronaldo sogar den Vorteil, in der Nähe seiner Heimat bleiben zu können. Durchbeißen konnte sich nur Ronaldo, dem bei aller Blödelei abseits des Platzes eine eiserne Disziplin nicht abgesprochen werden konnte. Quaresma offenbarte taktische Undiszipliniertheiten, die den damaligen Barca-Trainer Frank Rijkaard zur Weißglut trieben. Nach 22 Einsätzen und einem mickrigen Törchen kam es zur Eskalation. Quaresma forderte seine Freigabe, drohte gar mit Streik, sollte Rijkaard nicht entlassen werden. Es war, als würde ein Azubi die Demission des Abteilungsleiters verlangen. Quaresma sah später ein, dass er sich verzockt hatte. „Im Nachhinein war der Wechsel einfach nur enttäuschend“, gab er zu. Müßig zu erwähnen, dass der FC Barcelona nicht traurig war, als Quaresma das Weite suchte.
Inter Mailand ging es 2010 ähnlich. Zwei Jahre zuvor hatte Quaresma Portugal erneut als hochgejazzter Halbgott verlassen. Beim FC Porto waren ihm wunderschöne Tore gelungen, er führte das Team zu Meisterschaft, Pokal- UEFA-Cup-Sieg. Deshalb zahlte Inter 2008 knapp 18 Millionen Euro Ablöse. Doch der Gegenwert liest sich erschreckend: 13 Einsätze in der ersten, elf in der zweiten Saison. Kein Tor. Champions-League-Sieger darf sich Quaresma nennen, doch auch dort kam er kaum zum Einsatz. Im Finale gegen den FC Bayern (2:0) stand er nicht mal im Kader. Für seine Darbietungen wurde er 2008 gar mit der „Goldenen Mülltonne“ als schlechtester Spieler der Serie A ausgezeichnet. Und als Inter den Portugiesen zu Beginn des Jahres 2009 sechs Monate an den FC Chelsea verlieh, wurde es auch nicht besser. In der Premier League riss Quaresma bei seinen vier Kurzeinsätzen, die man ihm gestattete, niemanden von der Gasse.
„Der italienische Fußball ist nicht einfach für Spieler, die sehr offensiv denken“, sagte Jose Mourinho einmal, als er auf die schwachen Leistungen seines Landsmannes angesprochen wurde. Er hatte versucht, ihn bei Inter in die Spur zu bringen, fit zu machen für den Fußball auf allerhöchstem Niveau. Doch letztlich biss sich selbst Mourinho an ihm die Zähne aus. Wie Rijkaard in Barcelona. Wie Luiz Felipe Scolari in London.
Ein begnadeter Blender?
„Quaresma hat die Qualitäten, um sich überall durchzusetzen“, hat der große Luis Figo einmal gesagt. Und ja, wer sich auf Youtube Videos des Portugiesen anschaut, der mag nicht widersprechen. Dort sind Tricks zu bestaunen, die sich ein Normalsterblicher noch nicht einmal gedanklich ausmalen kann, ohne Kopfschmerzen zu bekommen. Doch reicht das? Ist Offensive alles? Ist Quaresma, wenn es um die allererste Kategorie geht, nicht einfach nur ein begnadeter Blender?
Paulo Bento, der Trainer der portugiesischen Nationalmannschaft, glaubt noch an Quaresma. Zumindest hat er ihn in seinen Kader für die EM in Polen und der Ukraine berufen. Im Spiel gegen Deutschland verzichtete er allerdings auf seine Dienste. 90 Minuten saß Quaresma auf der Bank, obwohl Portugal noch einmal hätte wechseln können. Eine Vorgehensweise, die die portugiesischen Medien stutzig machte. Sie hätten Quaresma gerne gesehen. Er genießt dort nach wie vor großes Vertrauen.
Quaresma selbst blieb ruhig, beschwerte sich nicht über seinen Status als Bankdrücker. Einen Skandal kann er sich nicht mehr erlauben, das weiß er. Auf die Chance warten und sie nutzen – was Trainer jungen Talenten auf den Weg mitgeben, gilt für den 28-Jährigen mehr denn je. Zwei Spiele bleiben Portugal noch, um doch noch in die nächste Runde einzuziehen. Es ist wohl auch Quaresmas letzte Chance, sich noch einmal ins große europäische Rampenlicht zu spielen.