»Mandadis!«, lautet Bernard Lamas Beitrag im französischen Fernsehen zu der Frage, wer denn nun die beste Nummer Eins für das Tor der französischen Nationalmannschaft wäre. Die denkbar einfachste Antwort in der Torwartfrage, die Frankreich beherrscht, wäre demnach eine Fusion aus Hugo Lloris und Steve Mandanda. Er muss es wissen, schließlich hütete Lama selbst von 1993 bis 2000 das Tor der Franzosen.
Lloris punktet gegen die Iren
Mit seiner schmächtigen Figur, dem glatten Gesicht und seinem unschuldigen Blick sieht Hugo Lloris noch jünger aus als seine 22 Jahre. Dass dieser zurückhaltende Eindruck aber nur ein erster Eindruck ist, mussten die Spieler von Giovanni Trapattonis Irland im Hinspiel der Play-Offs zur Weltmeisterschaft 2010 erfahren. Mit bemerkenswerter Entschlossenheit schnellte ihnen Lloris mehr als einmal entgegen und machte die Chancen, die sich die Iren erkämpften, zunichte.
Der junge Torwart aus Nizza, 2008 für 8,5 Millionen Euro zu Olympique Lyon gewechselt, ist momentan Frankreichs erster Keeper. Damit ist Lloris legitimer Nachfolger von bekannten Größen wie Fabian Barthez und Gregory Coupet im Gehäuse der »Grande Nation«. Dabei entschied sich erst im Vorfeld des Spiels gegen Irland, dass Lloris im Tor stehen würde.
In der ersten Zeit des Umbruchs nach der enttäuschenden Europameisterschaft 2008 vertraute Nationaltrainer Domenech zunächst Steve Mandanda – mit 24 Jahren kaum älter als Lloris. Der gebürtige Kongolese hatte sich in den Monaten zuvor bei Olympique Marseille in der Ligue 1 und der Champions League verdient gemacht und wurde auch schon mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht.
Mandanda: Kritik aus der eigenen Familie
Fachkundige Kritiker hat der in Kinshasa geborene Nationalspieler genügend: Drei von Mandandas Brüdern verdingen sich ebenfalls als Torwarte. Ein familieninternes Duell im Tor der »Les Bleus« wird es vorerst aber nicht geben, denn der 20-jährige Parfait Mandanda spielt bereits für die Auswahl der Demokratischen Republik Kongo, der noch jüngere Riffi noch in Frankreichs U‑18.
Der älteste der Mandanda-Brüder zeigte im französischen Tor vereinzelt Schwächen und blieb nicht unumstritten. Als Lloris im September beim wichtigen Länderspiel gegen Serbien auflief, dauerte es nur neun Minuten und eine Rote Karte, bis er wieder zum Zuge kam. Beim unglaublichen 5:5 von Lyon gegen Marseille Anfang November gaben beide Schlussmänner keine gute Figur ab, speziell Lloris patzte bei zwei Gegentreffern. Dennoch entschied sich Trainer Domenech für den Lyoner Stammtorhüter als Schlussmann gegen die Iren.
Eine Auseinandersetzung zweier hochtalentierter Torwarte ist eine in Deutschland durchaus bekannte Situation, wie der Wettstreit Adler/Neuer belegt. Und zuvor hatte auch Frankreich mit Barthez und Coupet – analog zu der Dauerfehde von Lehmann gegen Kahn – zwei erfahrene und hochklassige Guardiens im Dauerwettstreit um den Posten als Nationaltorwart. Ein im Gegensatz zu Deutschland sehr faires und kollegiales Duell auf hohem Niveau, zählte eben jener bodenständige Coupet doch jahrelang zu Europas besten Torwarten – Barthez hingegen, unter Anderem als »Welttorhüter des Jahres 2001« dekoriert, konnte in den letzten Phasen seiner Karriere sportliche Schwächen häufig mit seiner Extravaganz kaschieren.
Genies und Skandale
Barthez und Coupet können als die bisherigen Stars der französischen Torwartschule angesehen werden. Torwarte wie der erwähnte Hobby-Morphologe Bernard Lama, Bruno Martini oder Joël Bats galten zuvor als durchaus qualifizierte, aber eben nicht überragende Schlussmänner. Mit der Weltklasse kamen auch die Skandale: Barthez wurde ebenso wie sein Vorgänger Lama positiv auf Cannabis getestet.
Und Coupet, ein eigentlich sehr sachlicher und ruhiger Zeitgenosse, verließ kurzzeitig wutentbrannt das Trainingslager der Franzosen bei der WM 2006, als er von der Entscheidung des Trainers zu Gunsten seines kahlköpfigen Rivalen erfuhr. Lloris, in seiner Außendarstellung vergleichbar mit René Adler, wie auch Mandanda zeigten sich bislang als vorbildliche Profis. Auch ihr Verhältnis untereinander gilt als aufrichtig und gut.
Den Franzosen mangelt es nicht an hochklassigen und verrückten Torwart-Typen, und ähnlich wie in Deutschland kommt die Mehrheit der Stammtorwarte der Ligue 1 aus dem eigenen Land. Dass Jérémie Janot von Saint-Étienne ein Spiel im Spiderman-Trikot bestritt und sich für das Mannschaftsfoto die dazugehörige Maske aufsetzte, kann wohl unter der auch in Frankreich dieser Position inhärenten Verrücktheit verbucht werden.
»Torwartnation« Frankreich
Kollegen im Ausland wie Freiburgs Simon Pouplin oder der in Florenz tätige Sébastien Frey, aber auch die in der Heimat angestellten Michaël Landreau, Nicolas Douchez oder Cédric Carrasso, die momentane Nummer drei der Franzosen, zeigen deutlich: Deutschland steht als »Torwartnation« nicht alleine in Europa da, auch Länder wie Spanien, Italien oder eben Frankreich verfügen über eine große Zahl an starken Talenten.
Die endgültige Entscheidung in der Nationalmannschaft in Bezug auf die WM in Südafrika scheint noch nicht gefallen zu sein. Geadelt wurden sowohl Lloris als auch Mandanda von ihrem Vorgänger Gregory Coupet: »Sie sind beide viel talentierter als ich es bin.« Auch die Fans wissen nicht, welches ihrer Talente das bessere ist, und sorgen bei Umfragen häufig für fast punktgleiche Ergebnisse.
Das Rückspiel gegen Irland wird somit eine wichtige Prüfung für den jungen Lloris. Im Hinspiel konnte er überzeugen, Coupet bezeichnete ihn im Anschluss gar als »Phänomen« und sprach sich für eine zeitnahe Entscheidung in der Torwartfrage aus: »Lloris spielt im Moment gut und es gibt keinen Grund zu wechseln.« Schließlich kann es sich Trainer Domenech nicht so einfach machen wie Bernard Lama: Es kann schließlich nur einer spielen – Lloris oder Mandanda.