Julian Draxlers erste Profijahre lesen sich wie der Beginn einer Weltkarriere: Das Bundesligadebüt auf Schalke mit nur 17 Jahren. Zehn Tage später entscheidet er das DFB-Pokal-Viertelfinale in der 119. Minute. Der Pokalsieg folgt in derselben Saison, das Debüt in der Nationalmannschaft ein Jahr darauf, mit 18. Im Sommer 2014, mit 20 Jahren, wird Julian Draxler Weltmeister und hat schon in einer Bundesligasaison zweistellig getroffen. Wäre nicht Mario Götze gewesen, Draxler hätte zu dieser Zeit sicherlich den Titel als vielversprechendstes deutsches Talent für sich beanspruchen können. Nun, knapp zehn Jahre später, wechselt er zu Al-Ahli nach Katar und damit in die sportliche Bedeutungslosigkeit.
Dass man seine Karriere damit reflexhaft als „gescheitert“ und „enttäuschend“ einordnet, mag auch an Julian Draxlers Vereinswahl liegen. Nach 14 Jahren bei seinem Jugendklub Schalke 04 wechselte er 2015 zum VfL Wolfsburg. Diese Entscheidung kam bei den Fans der Königsblauen gar nicht gut an, zumal der Verein die Vertragsverlängerung zwei Jahre zuvor „mit Stolz und Leidenschaft“ präsentiert hatte. Im Gespräch mit SPOX und DAZN erzählte Draxler, dass er im Zuge der Kritik an seinem Transfer Manuel Neuer um Rat fragte, der wegen seines Wechsels aus Gelsenkirchen nach München noch deutlich heftiger angegangen worden war. „Das kurze Gastspiel in Wolfsburg wird sicherlich bei vielen Leuten ganz groß infrage gestellt“, sagt Draxler selbst im Interview mit dem YouTuber Simon Schildgen. Nach eineinhalb Jahren und der „schlimmsten Hinrunde meines Lebens“ (Draxler konnte in 14 Spielen nur zwei Vorlagen beisteuern) war das Kapitel Wolfsburg auch schon wieder Geschichte, Draxler zog es nach Paris.
Sportlich nachvollziehbare Entscheidungen
Trotz aller Kritik: Zum Zeitpunkt seiner Transfers muss sich Draxler aus sportlicher Sicht wenig vorwerfen. In Wolfsburg konnte er Champions League spielen und sich für den Kader der EM 2016 empfehlen. Bei PSG kam er zu einem europäischen Top-Klub, der auf der Mission war, in den nächsten Jahren die Königsklasse zu gewinnen. Alles durchaus verständliche Gründe für einen Wechsel.
Und: Draxlers erste Jahre nach seinem Abschied aus Gelsenkirchen liefen beileibe nicht schlecht. In seiner ersten Saison in Wolfsburg steuerte er in 24 Spielen je sechs Tore und Vorlagen bei. In Paris war er anfangs Stammspieler, dann holte der Klub mit Neymar und Kylian Mbappé zwei der besten Spieler der Welt. Zu Draxlers Pech waren beide ebenfalls auf dem Flügel zu Hause. Aber er erfand sich neu, wurde vermehrt als zentraler Mittelfeldspieler und nicht auf dem Flügel eingesetzt. In seinen ersten beiden vollen Jahren in Frankreich absolvierte er jeweils mehr als 40 Spiele pro Saison, gut die Hälfte davon in der Startelf. Diese Leistungen zu Beginn seines Pariser Engagements wurden aus heutiger Sicht jedoch von den drei folgenden Jahren überschattet.
Mitschwimmen statt Spiele entscheiden
Denn, bei allem Pech, das Julian Draxler in Form von Verletzungen in diesem Zeitraum hatte: Er setzte sich nie gegen die echten Weltklassespieler durch. Das, was sich viele von ihm versprochen hatten, hielt er in seiner Karriere nie ein. Draxler konnte zwar bei einem europäischen Topklub mal mehr, mal weniger erfolgreich mitschwimmen. Aber jemand, der ein Team mit seinen fußballerischen Fähigkeiten tragen und zu Titeln führt, wurde er nicht. Bezeichnend, dass er beim größten Erfolg auf internationaler Bühne mit PSG, dem Champions-League-Finaleinzug 2020, nur eine Nebenrolle spielte. Er wurde zwar häufig eingewechselt, auch im Finale stand er auf dem Platz. Für mehr als zwanzig Minuten reichte es aber nie. Er schwamm eben mit.
Bei der Betrachtung von Draxlers Karriere drängen sich zwei Ansichten auf: Zum einen das Bild des Profis, der dem Ruf des Geldes folgte und damit eine Weltkarriere aufgab. Oder aber das eines Talents, das vor allen Dingen an den hohen Erwartungen anderer an sich gescheitert ist. Die Wahrheit liegt vermutlich wie so häufig irgendwo in der Mitte. Denn Draxler war sicher nie den üppigen Gehaltsschecks abgeneigt, die er im Laufe seiner Karriere erhalten hat. Der Wechsel nach Katar belegt das. Trotzdem suchte er lange Zeit die sportliche Herausforderung, versuchte, sich zu beweisen. Als klar war, dass er in Paris keine Zukunft mehr haben würde, wurde er nach Lissabon ausgeliehen. Mit diesem Transfer schlug Draxler den Pfad ein, den auch Mario Götze zur Wiederbelebung seiner Karriere gewählt hatte — er spielte unter Roger Schmidt. Aber anders als Götze in Eindhoven kam er nicht wieder in Fahrt, sondern verletzte sich mehrmals. Draxler machte während seines einjährigen Aufenthalts in Portugal nur 18 Spiele, davon ein einziges über die vollen 90 Minuten.
„Ich gehe jetzt nicht in meine letzten zwei, drei Profijahre“
Julian Draxler, 2019
Dieser Versuch, es noch einmal allen zu beweisen, die ihn als gescheitert verschrien haben, scheint nun sein letzter gewesen zu sein. Julian Draxler hat kapituliert. Aus dem Drittplatzierten der Golden-Boy-Wahl 2013 ist kein Goldjunge geworden, nicht mal ein bronzener. Dennoch: In seiner Laufbahn gibt es viele Vielleichts. Vielleicht würde er anders betrachtet, wenn er 2020 mit Paris die Champions League gewonnen hätte. Vielleicht hätte er sich tatsächlich in Frankreich durchsetzen können, wenn er nicht so häufig verletzt gewesen wäre. Und vielleicht hätte er doch noch einen Götze-mäßigen Turnaround schaffen können, wenn er es hartnäckiger und vielleicht weitere Male probiert hätte.
Eine letzte, große Ungewissheit bleibt am Ende: Hat Julian Draxler das Beste aus seiner Karriere gemacht? Wenn man davon ausgeht, dass er vielleicht nie das Ausnahmetalent war, zu dem er gemacht wurde, so muss mann sagen: Sowohl sportlich als auch finanziell hat er seine Ausbeute maximiert. Unterm Strich stehen an seinem 30. Geburtstag mehrere Meisterschaften und Pokalsiege in Frankreich, Deutschland und Portugal. Dazu noch der Turniergewinn als Kapitän beim Confed-Cup und die frühe Krönung im DFB-Trikot: der Weltmeistertitel. Wieviele Spieler können solch einen gefüllten Trophäenschrank am Ende ihrer Karriere vorweisen?
Dieses Ende hat Draxler mit dem Abschied nach Katar nun wohl eingeläutet. Vier Jahre zuvor hatte er noch ganz andere Pläne. Auf die Frage, ob er sich eine Rückkehr in die Bundesliga vorstellen könne, sagte Draxler 2019 zu SPOX und DAZN: „Klar, auf jeden Fall. Ich bin erst 26 und gehe jetzt nicht in meine letzten zwei, drei Profijahre.“ Nun hat es nicht zwei oder drei Jahre gedauert, sondern vier. Aber dem Fußball auf Topniveau hat Julian Draxler den Rücken gekehrt. Auf diesem Level waren seine Leistungen auch schon länger nicht mehr. Seine letzte gute Saison liegt bereits Jahre zurück. Und trotzdem lässt einen das Gefühl nicht los, dass mehr möglich gewesen wäre für diesen Fußballer. Dass der 19-Jährige, der Raúl mit einem eleganten Hackentrick sein letztes Tor im Schalker Trikot auflegte, für Größeres bestimmt war, als für eine Reservistenrolle bei Paris Saint-Germain.