Direkt nach der Sie­ger­eh­rung des WM-Finales 2010 gab Spa­niens Tor­hüter Iker Cas­illas dem spa­ni­schen Fern­sehen mit der Sie­ger­me­daille um den Hals ein Inter­view. Der frisch­ge­ba­ckene Welt­meister wurde darin von seinen Gefühlen über­mannt und gab der Repor­terin, Sara Car­bonero, vor lau­fender Kamera einen Kuss. Der Clip ging viral, nicht als unan­ge­brachter Über­griff des Tor­hü­ters, son­dern als Moment purer Freude und Emo­tion. Car­bonero war damals Cas­illas Freundin und später bis 2021 seine Ehe­frau. Gemeinsam haben sie zwei Söhne.

Am Sonn­tag­nach­mittag setzte Cas­illas einen Tweet ab, der die Bezie­hung in ein anderes Licht gerückt hätte: ​Ich hoffe, Sie respek­tieren mich: Ich bin schwul.“ Ein homo­se­xu­eller Mann, ein Pro­mi­nenter, der jah­re­lang eine Bezie­hung zu einer Frau führt – das Inter­esse an dem ver­meint­li­chen Coming-Out war nach wenigen Augen­bli­cken riesig. Zumal Cas­illas Outing durch eine Reak­tion seines ehe­ma­ligen Natio­nal­mann­schafts­kol­legen Carles Puyol, eben­falls Vater zweier Kinder, sich bestä­tigen schien. Puyol schrieb: ​Es ist der Augen­blick, unsere Geschichte zu erzählen, Iker“. Ver­ziert war die Replik mit einem Herzen und einem Kuss­hand-Emoji.

Ich habe die Nase voll von Homo­phobie“

Beide Tweets schlugen inner­halb kür­zester Zeit rie­sige Wellen, zunächst erhielten Cas­illas und Puyol viel­fach Unter­stüt­zung, aber auch eine ganze Reihe homo­phober Kom­men­tare sam­melte sich unter dem Post. Cas­illas Reich­weite in den Sozialen Medien ist riesig, ihm folgen 9,7 Mil­lionen Accounts bei Twitter. Gleich­zeitig spe­ku­lierte bei­spiels­weise die spa­ni­sche Sport­zei­tung ​AS“, dass Cas­illas Tweet nur eine iro­ni­sche Reak­tion auf jüngste Gerüchte über eine angeb­liche Affäre des Tor­hü­ters sein könnte. Nach kurzer Zeit hatte Cas­illas den Tweet gelöscht.

Stell Dir vor, ein schwuler Fuß­ball­profi hat sein Coming-out und es macht keine Schlag­zeilen. Uto­pisch? Hier ver­si­chern über 800 Spie­le­rinnen und Spieler ihre Soli­da­rität.

Bildschirmfoto 2021 10 27 um 12 24 34 Zur Reportage

Auch Josh Cavallo, ein aus­tra­li­scher Fuß­baller, der sich im ver­gan­genen Jahr geoutet hatte, glaubte den beiden nicht, er twit­terte, er sei ​ent­täuscht“ von den Ex-Profis. ​Zu sehen, wie meine Vor­bilder und Legenden des Spiels sich über Coming Out und meine Com­mu­nity lustig machen, ist mehr als ent­täu­schend.“ Die nie­der­län­di­sche Natio­nal­spie­lerin Merel van Dongen übte eben­falls umge­hend scharfe Kritik, indem sie Cas­illas For­mu­lie­rung nahezu wort­gleich über­nahm: ​Ich hoffe, Sie respek­tieren mich: Ich habe die Nase voll von Homo­phobie.“

@IkerCasillas<\/a> and @Carles5puyol<\/a> joking and making fun out of coming out in football is disappointing. It\u2019s a difficult journey that any LGBTQ+ ppl have to go through. To see my role models and legends of the game make fun out of coming out and my community is beyond disrespectful pic.twitter.com\/Yp88aQyyTV<\/a><\/p>&mdash; Josh Cavallo (@JoshuaCavallo) October 9, 2022<\/a><\/blockquote>