Februar 2018: Arsène Wenger und Sven Mislintat gehen Seite an Seite an einem nass-kalten Wintertag über das Trainingsgelände des FC Arsenal in London Colney. Wenger im grauen Trainingsanzug, Mislintat im Business-Casual-Look. Wenger wird in wenigen Monaten seine 22-jährige Amtszeit bei den Gunners beenden. Nach dem Ende seiner Ära sollen seine Aufgaben, wie zum Beispiel auch die Kaderplanung, auf viele Schultern verteilt werden. Vor zwei Monaten holte der Verein Mislintat, dessen Scouting-Vorbild Wenger ist, dafür ins Boot. Der ehemalige Direktor Profifußball und Scout von Borussia Dortmund soll nun in London Talente finden, die dem Verein Erfolg bringen und bei einem möglichen Weiterverkauf viel Umsatz bescheren. Das Foto dokumentiert gewissermaßen eine Wachablösung.
Mislintats Ruf ist im europäischen Fußball zu diesem Zeitpunkt makellos. Schließlich hatte er unbekannte Kicker wie Pierre-Emerick Aubameyang, Ousmane Dembélé und Shinji Kagawa entdeckt, bevor sie von Dortmund aus ihre Welt-Karrieren starteten. Als „Diamantenauge“ ist er seither bekannt. Der FC Arsenal zahlte im Dezember 2017 daher als erster Verein überhaupt eine Ablöse (siebenstellig!) für einen Scout.
Absturz in 128 Tagen
Spätestens seit den vergangenen Tagen ist die Reputation des Transfergurus allerdings so intakt wie die Fenster der Geschäftsstelle seines Ex-Arbeitgebers Ajax Amsterdam nach dem Feynoord-Spiel. Der niederländische Rekordmeister stellte den Technischen Direktor nach nur 128 Tagen im Amt wieder frei. Es mangele an der „breiten Unterstützung innerhalb der Organisation“ teilte der Verein am Sonntag mit.
Am Mittwoch sind weitere Details zu den Vorwürfen rund um den kritisierten Borna-Sosa-Deal publik geworden. Gerben Everts, Direktor der „Vereinigung der Wertpapierinhaber“, sprach gegenüber dem niederländischen Rundfunk NOS von einem System. Der Sosa-Transfer sei nur „die Spitze des Eisbergs“ gewesen. Der Chef der Aktionärsvereinigung bezieht sich dabei auf WhatsApp-Nachrichten. Die sollen zeigen, dass ein Wechsel zu Ajax Amsterdam nur möglich gewesen sei, wenn sich der Spieler vorher der Berateragentur AKA Global anschließt. An der Agentur hält die Datenfirma Matchmetrics, an der Mislintat zu 35 Prozent beteiligt ist, Anteile. „Das mag im Fußball üblich sein, aber bei börsennotierten Unternehmen geht das nicht“, sagte Everts. Der VfB Stuttgart soll indes seine Dokumente rund um die Mislintat-Deals einer Anwaltskanzlei übergeben, berichtet der Kicker.
Starke Arbeit in Dortmund und Stuttgart
Nicht nur wegen dieser Vorwürfe stand der 50-Jährige bereits in der Kritik, sondern auch ausgerechnet wegen seiner Transferpolitik. Sieht das Diamantenauge nicht mehr so gut? Die Antwort auf diese Frage hängt stark davon ab, bei welchem ehemaligen Arbeitgeber Mislintats man nachfragt. Ende 2022 forderten rund 12.000 VfB-Stuttgart-Fans den Vorstandschef Alexander Wehrle per Online-Petition auf, den Vertrag mit Mislintat vorzeitig zu verlängern. Beim VfB und in Dortmund sprechen zahlreiche Transfers für sich. Allein in den dreieinhalb Jahren am Neckar hat der Sportdirektor Spieler wie Serhou Guirassy (Leihe, später für neun Millionen verpflichtet), Wataru Endo (zwei Millionen Euro gezahlt, 20 Millionen von Liverpool erhalten) oder Sasa Kalajdzic (kam für sechs und ging für 18 Millionen Euro zu Wolverhampton) entdeckt. Pro Neuzugang hat Mislintat im Schnitt eine Ablöse in Höhe von 2,15 Millionen Euro gezahlt. Auf dem Transfermarkt hat Stuttgart dabei ein Plus von rund 110 Millionen Euro erwirtschaftet.