Am Ende wun­derte sich der Papst vom Emscher­strand über sich selbst. Pfarrer Markus Pott­bä­cker hat im Namen des Herrn schon unzäh­lige Bei­set­zungen durch­ge­führt. Noch nie hat er am Grab eines frisch Ver­stor­benen dabei ein Bier getrunken. Aber irgend­wann ist schließ­lich immer das erste Mal. Erich, dein Wille geschehe. Auf Erich!

Es war einer dieser Momente, wie ihn wohl nur der Fuß­ball im Ruhr­ge­biet schreiben kann. 350 Men­schen und ein Bier­wagen waren an diesem schä­bigen Dezember-Tag zur Beer­di­gung von Fan-Ori­ginal Erich Wehner nach Gel­sen­kir­chen auf den Friedhof in Beck­hausen-Sutum gekommen. Und so stand die königs­blaue Trau­er­ge­meinde nach getaner Arbeit um das aus­ge­ho­bene Stück Erde herum und hob ein letztes Mal den Plas­tik­be­cher auf Erich Wehner. Einen der ihren. Minuten zuvor hatten sie seine Asche stil­echt in einer Urne in Form eines blau-weißen Balles aus der Trau­er­halle auf das Schalker Fan-Feld getragen. Blau und Weiß ein Leben lang. Und, klar, natür­lich dar­über hinaus. Irgendwie sieht bei den Knappen alles immer etwas kit­schiger aus als bei allen anderen Klubs. Selbst eine Beer­di­gung.

So viel Schalke wie viel­leicht lange nicht

So, jetzt können wir ein Bier trinken“, emp­fahl der Kir­chen­mann. Ein­ge­laden hatte sie der Ver­flos­sene selbst. Aller­dings ohne es zu wissen. Posthum war der zu Leb­zeiten stets klamme S04-Anhänger noch zu Reichtum gekommen. Jetzt wollte er sich nicht lumpen lassen. Denn in diesem trüben Revier-Ambi­ente war Schalke so viel Schalke, wie viel­leicht lange nicht mehr. Da stand die berüch­tigte Gelsen-Szene neben Kutten-Fans und Welt­meister Olaf Thon neben dem Sup­port­ers­club. Alte Hau­degen unter sich. Ver­eint in Trauer und Wehmut. Und tau­send und einer Geschichte.

Denn mit ​Erich“ ging auch ein Teil dieses alten Schalke. Des Schalke, über das Außen­ste­hende ob seiner Schrul­lig­keit und Schä­big­keit früher die Nase rümpften. Und von dem die Nord­kurve heute nur noch singt, wenn sie das Lied von den ​aso­zialen Schal­kern“ anstimmt. Aber auf das alle, die dazu­ge­hörten, so unend­lich stolz waren. Keiner mag uns. Scheiß­egal.

Unter­schätzen durfte man ihn nicht

In Win­des­eile ver­brei­tete sich in Gel­sen­kir­chen die Kunde, dass Erich gestorben sei. Unter wel­chem Namen er auf Schalke wirk­lich bekannt war, ver­riet die Auf­schrift eines T‑Shirts, das ihm lang­jäh­rige Weg­ge­fährten mit ins Grab gaben: ​Asi Erich Fuss­ball­gott“. 30 Jahre hatten sie ihn, der am Rande der Gesell­schaft stand, mit durch­ge­zogen. Ihn mit Tickets ver­sorgt, ihm die Fahrten zu den Spielen der Königs­blauen ermög­licht. Und oft den berühmten einen Euro spen­diert. Aber unter­schätzen durfte man ihn nicht: Mag er manchmal auch noch so unin­spi­riert gewirkt haben, eins war unge­schrie­benes Gesetz am Schalker Markt: Kommst du irgendwo auf dieser Welt zu einem Aus­wärts­spiel, ist Erich schon da.

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Stefan Bunse

Bis ihm die Gesund­heit einen Strich durch die Rech­nung machte. Bereits im Pfle­ge­heim hat sich Oli­vier Krusch­inski um ihn geküm­mert. Der S04-Fan, der ​Mythos-Touren“ durch den berühm­testen Stadt­teil Deutsch­lands orga­ni­siert und Vor­sit­zender der Stif­tung Schalker Markt ist, rief zu einer letzten Spen­den­ak­tion für Erich auf. Und auch das ist Schalke: Binnen 48 Stunden kamen mehr als 15.000 Euro zusammen. Genug für die Bei­set­zung auf dem S04-Friedhof in unmit­tel­barer Nähe der Arena.

Er hat sich nie­mals beklagt. Er hat nie­mals gesagt, dass er anders sein möchte als er ist. Er hat sein Leben genauso geliebt, wie es war“

Olivier Kruschinski

Und genug für den Bier­wagen. ​Dieses Mal lädt euch Erich ein“, ver­sprach Krusch­inski. Und Erich hielt Wort. Fürs Herren – und Damen­ge­deck gab es Schle­hen­likör mit dem Kon­terfei des Ver­stor­benen. T‑Shirt, offene Trai­nings­jacke, eigen­wil­lige Frisur. ​Erich – für immer einer von uns“ stand auf den Fla­schen. Eine Schüppe Erde, ein Pils und einen Kurzen bitte. ​Ich kannte Erich viele Jahre. Er hat sich nie­mals beklagt. Er hat nie­mals gesagt, dass er anders sein möchte als er ist. Er hat sein Leben genauso geliebt, wie es war“, sagte Krusch­inski ergriffen.

Es gibt Men­schen, die hin­ter­lassen einen blei­benden Ein­druck. Und ​Erich“ gehörte zwei­fellos dazu. Wer daran noch Zweifel hatte, wurde auf dem Friedhof an diesem usse­ligen Regentag eines Bes­seren belehrt. ​Gäbe es dieses Schalker Fan-Feld nicht, man müsste es erfinden“, war auch Olaf Thon beein­druckt. Der UEFA-Cup-Sieger von 1997 war ebenso privat vor Ort wie Auf­stiegs­held und Euro­fighter Mike Büs­kens. Ob sich der FC Schalke 04 als Verein auch offi­ziell an der Trau­er­feier betei­ligt hat? ​Spielt das eine Rolle? Schalke steht doch hier“, phi­lo­so­phierte Krusch­inski.

Nun hat ​Erich“ sein letzte Reise hinter sich. Er wurde 68 Jahre alt und liegt jetzt neben Ver­eins-Idol Rein­hard ​Stan“ Libuda und Meis­ter­spieler Adolf ​Ala“ Urban begraben. Irgendwie tröst­lich. Für immer Heim­spiel. Den­noch warfen ihm seine Kumpel neben Schals zur Sicher­heit nochmal einige Ein-Euro-Münzen in die Gruft. Damit er auch dort, wo er jetzt ist, immer einen Not­gro­schen in der Tasche hat. Man weiß nie. Viel­leicht spielt ja Schalke.